„Teilen. Hauptsächlich teilen.“ Ein Interview mit dem türkischen Schauspieler Batuhan Yalcin

„Oh nein! Auf keinen Fall!! Das wäre mir zu langweilig, zu normal.“, antwortete Batuhan Yalcin auf meine Frage, ob er sich vorstellen könnte irgendwann in seinem Leben, einen „normalen“ Beruf auszuüben.

Ein Interview von Marie Greiner (17) (see english version below)

Foto: Marie Greiner

Fotos: Marie Greiner

Der 28-Jährige aus Ankara ist Schauspieler am türkischen Staaststheater in Van. Damit hat er es bis ganz an die Spitze geschafft und hat somit für türkische Verhältnisse einen gut bezahlten Beruf. Doch der Weg dahin, war alles andere als einfach. Im Gegensatz zu Deutschland sind die Theater in der Türkei zentral organisiert, d.h. alle Theater gehören zusammen, stehen unter der Leitung des Intendanten in Ankara und werden staatlich finanziert. In den Aufnahmeprüfungen um Theaterschauspieler zu werden, muss man neben dem Beherrschen von Singen und Tanzen auch Fragen zur Theatergeschichte und Theatertechnik beantworten können. Wenn man dann einer unter den 40 Auserwählten und ca. 800 Bewerbern ist, spielt man mindestens die nächsten sechs Jahre an einem kleinem „armen“ Theater, von dessen Gehalt man eigentlich nicht leben kann. Danach ist man sozusagen „Schauspieler auf Lebenszeit“. All das hat Batuhan geschafft und ist nun bereits seit vier Jahren festangestellter Schauspieler am größten Theater der Türkei.
Nun muss man allerdings nicht denken, das die Schauspieler in der Türkei die selbe Beachtung genießen, wie in Deutschland. Die gesellschaftliche Anerkennung gegenüber Schauspielern in der Türkei ist teilweise sogar sehr schlecht. Batuhan erzählt: „In einem Gespräch erzählte ich mal, das ich Schauspieler werden möchte. Da sagte die Frau zu mir: ‚Oh du Armer! Ich bin mir sicher diese dunkle Zeit wird vorüber gehen, glaub mir!‘ Sie redete über meinen Wunsch, wie man sonst vielleicht über eine schlimme Krankheit spricht. Über sowas muss man dann einfach stehen.“ In einigen tiefreligiösen Städten gelten Schauspieler sogar als „Sünder“, da es nach dem Koran verboten ist, Abbilder von anderen Menschen darzustellen. „Natürlich ist es manchmal schwierig die Balance zwischen Tradition und Moderne zu finden. Über das was wir spielen, dürfen wir zwar selber entscheiden, wir kritisieren auch, gehen aber mit Themen wie Religion und Tradition sensibel und respektvoll um, wir wollen niemanden verletzen oder angreifen.“, sagt Batuhan. Allerdings muss man sagen, das so radikal nur ungefähr 10 Prozent der türkischen Bevölkerung denken. Der 28-Jährige meint: „ Ich finde diese Menschen, die so denken sehr interessant. Auf der einen Seite verabscheuen sie Künstler wie mich und auf der anderen Seite, sind es ganz genau die Menschen, die jeden Abend Klatschsendungen sehen und sich für Künstler der westlichen Welt interessieren. Ihren eigenen Kindern würden sie niemals erlauben Schauspieler zu werden, das wäre undenkbar. Auch ich hatte diese Probleme, von einem Teil meiner Familie habe ich auch nicht die Unterstützung bekommen, die ich mir erhofft habe.“
Foto: Marie GreinerDafür gab es aber andere Menschen in Batuhans Umfeld, die ihn schon früh dazu ermutigt haben, seinem Traum zu folgen und an sein Talent zu glauben. „Angefangen hat alles in der zweiten Klasse. In den Pausen habe ich immer kleine Improvisationen für meine Freunde aufgeführt, irgendwann wurde dann meine Klassenlehrerin auf mich aufmerksam und war total begeistert. Ab da an hat sie mir jeden Tag die letzten zwei Stunden vom Unterricht gegeben, wo ich die anderen dann mit meinen Improvisationen unterhalten sollte. Das war eine tolle Zeit.“ Zu diesen Ursprüngen musste der Schauspieler auch während seiner Ausbildung am „Hacettepe University Ankara State Conservatory“ zurückkehren. „Einer meiner Ausbilder am Konservatorium sagte mal zu mir: ‚Wenn du wirklich ein Schauspieler werden willst, geh in die Grundschule, erzähl den Kindern Geschichten oder spiele ihnen was vor. Wenn sie aufmerksam sind und dir zuhören, komm wieder und wir machen weiter.‘ Das ist auch der Grund warum ich so gerne mit Kindern arbeite. Ihre Reaktionen sind immer echt, sie zeigen dir wenn, das was du machst langweilig ist.“ Das veranlasste Batuhan auch dazu nach Berlin zu kommen. Ein Mitarbeiteraustausch der „European Theatre Convention“ machte dies möglich. Sein Ansprechpartner in Deutschland, Lasse Scheiba (Theaterpädagoge am jungen Deutschen Theater), tritt nächstes Jahr den „Rückbesuch“ nach Van an.
Foto: Marie GreinerIm jungen Deutschen Theater hatte der Schauspieler die Möglichkeit, die Theaterarbeit mit Jugendlichen einen Monat lang zu begleiten und auch selber Workshops zu geben. Schnell konnte der 28-Jährige hier Unterschiede zu seiner Jugendarbeit in der Türkei feststellen: „Den Jugendlichen hier in Deutschland fällt es leichter sich beim Spielen fallen zu lassen, sie sind offener, probieren viel Neues. In der Türkei ist das anders, die Kinder und Jugendlichen sind viel schüchterner, da spürt man dann wieder den Druck der Gesellschaft. Das ist Schade, denn Spielen bedeutet für mich auch immer ein bisschen ‚Menschsein‘. Schauspielern bedeutet einfach nur schauspielern. Es geht nur um einen selbst, um den eigenen Körper und die Gefühle, wenn man es schafft, auf das alles zu hören, ist es eigentlich das Einfachste was man machen kann. Spielen liegt in der Natur jedes Menschen. Wenn wir klein sind spielen wir; Mutter, Vater, Kind zu Beispiel, wir entwickeln uns in anderen Charakteren weiter. Wenn wir älter werden, verlieren wir diese Fähigkeit. Grade für einen Schauspieler ist es so wichtig daran festzuhalten, auch allgemein, es ist der einfachste Weg um sich weiterzuentwickeln.“ Als ich den Schauspieler dann nach seinen Absichten und Zielen beim Spielen fragte, antwortete er: „Teilen. Hauptsächlich teilen. Geschichten zu erzählen. Ich zum Beispiel, glaube an Geschichten, an Märchen. In ihnen steckt so viel Hoffnung, außerdem ermöglichen sie es dir in andere Welten abzutauchen, viel zu lernen, ein besserer Mensch zu werden. Hoffnung, das ist das was ich weitergeben möchte. Für zwei, drei Stunden, eine Welt die fern ab von der Realität liegt.“ Für den 28-Jährigen Schauspieler kommt als Darstellungsform, allerdings nur die Bühne in Frage. „Ich könnte es mir nicht vorstellen Filmschauspieler zu sein. Ich brauche einfach diese Atmosphäre, die „Livereaktionen“ der Leute. Ich möchte für Menschen spielen, nicht für Plastik und Glas. Filmschauspieler und Theaterschauspieler, sind für mich zwei verschiedene Berufe- genauso wie Innen- und Außenarchitekt.“
In Berlin war es dann grade die Außenarchitektur die Batuhan begeisterte. „Ich hatte zwar für meine Zeit in Berlin eine SBahn-Fahrkarte, diese habe ich jedoch sehr selten benutzt. Die meisten Strecken habe ich zu Fuß zurückgelegt, die Stadt ist ein einziges Museum für Künstler. Die Architektur, besonders die des Reichstages hat mir sehr gut gefallen.“ Natürlich war der Schauspieler auch selber viel im Theater, insgesamt fünfzehn Stücke guckte sich der 28-Jährige an. „Das war eine ganz neue interessante Erfahrung für mich. Hier in Deutschland haben die Theater alle ihre eigene Ausrichtungen und Stile, das ist anders als in der Türkei, da ja bei uns alle Theater zusammengehören. Zu den deutschen Schauspielern ist mir aber auch etwas aufgefallen. Sie denken zu viel, wenn sie auf die Bühne gehen und können dadurch erst relativ spät Gefühle zeigen. Das ist bei türkischen Schauspielern anders, wir denken nicht, wir machen einfach. Damit will ich ihre Arbeit nicht abwerten, es ist nur einfach anders, anders gut. Am besten haben mir die Stücke „Schnee“ am Maxim Gorki Theater und „Verwandlung“ am jungen Deutschen Theater gefallen.“
OLYMPUS DIGITAL CAMERANach dem Statement über die deutschen Schauspieler, fragte ich Batuhan, wo er die Unterschiede in der Mentalität von Türken und Deutschen sieht, die Antwort war mir eigentlich schon klar. Der 28-Jährige musste lachen: „Auf diese Frage habe ich die ganze Zeit gewartet. Ich denke die Deutschen sind zu ernst. Sie arbeiten zu viel und denken zu viel. Außerdem denke ich, das ihr ein Generationenproblem habt. Die älteren Menschen sind nicht so gut in die Gesellschaft integriert wie bei uns. Ab 48 ist bei euch ja mit den meisten Leuten nicht mehr viel los (muss lachen). Bei uns ist das ganz anders. Ich denke wir sind liebevoller und offener im Umgang mit fremden Menschen, so eine Art ‚Nachbarschaftsgesellschaft‘. Wir haben zwar keinen Plan von der Zukunft, aber leben dafür im Hier und Jetzt. Das ist auf der einen Seite gut, auf der anderen Seite schlecht. Bei uns wird nicht so viel für die kommenden Generationen getan, das ist hier in Deutschland viel viel besser und organisierter.“ Batuhan möchte auf jeden Fall nochmal nach Berlin kommen oder sogar vielleicht hier her ziehen. „Die Stadt bietet so viele Möglichkeiten für junge Leute auf einen Neuanfang, besonders als Künstler hat man hier viele Chancen sich weiterzuentwickeln.“ Gleich der erste Tag des Schauspielers in Berlin, der 1. Mai., war für ihn ein besonderes Erlebnis:“Bei uns, in der Türkei, wird am Tag der Arbeit fast nur demonstriert und die Polizei geht dann dazwischen und zerschlägt alles. Hier in Berlin, waren so viele fröhliche Menschen auf der Straße, die getanzt und gefeiert haben. Als dann ein Polizeiauto vorbeifuhr, habe ich mich schon ein bisschen erschreckt, aber auf einmal fing der eine Polizist an, mit den anderen Leuten zu tanzen. Das war so verrückt! Es war das erste Mal, das ich einen Polizisten habe tanzen sehen.“
Das überraschendste für mich in dem insgesamt zweistündigen Interview mit Batuhan war, als er mir erzählte, das er keine Schauspieler mag. „Die meisten Schauspieler sind mir zu selbstsüchtig und egoistisch. In meinem Freundeskreis habe ich nur normale Menschen, mit anderen Schauspielern kann ich nur sehr wenig anfangen.“

 

Sharing. Firstly sharing.

An interview with the Turkish actor Batuhan Yalcin

„Oh no! No way!! That would be too boring, too normal.”, answered Batuhan Yalcin whether he could imagine to practice an “normal” job, at some point in his life. The 28-year-old from Ankara is an actor at the Turkey Statetheatre in Van. Having reached the top, his job is well-paying compared to the Turkish average income. But the way, which lead there, was anything but easy. In contrast to Germany, all  theatres in Turkey are state-subsidised and supervised by the artistic director in Ankara. In the auditions one has to take, to become a stage actor, are several examinations. Only when mastering singing, dancing, historical and technological aspects of theatre, the applicant be offered one of the 40 available places. Having succeeded out of 800 applicants one plays at least six years in a small and rather poor theatre which’s payment is not fully covering living costs. Afterwards one is an “actor for lifetime”. Since four years Batuhan is a salaried actor at the largest theatre in Turkey. But do not assume, that actors in Turkey enjoy the same admiration like actors in Germany. The social appreciation towards actors is quite bad. Batuhan reports: “In a conversation I once told, that I want to be an actor. Then the woman replies:‘ Oh, you poor! I am sure, that this dark time in your life will pass! Believe me!‘ She talked about acting like a fatal illness.” In some devoutly religious cities, actors considered as “sinners”, because it is prohibited by the Koran, to represent images of other people. “Of course, sometimes it is difficult to find the balance between tradition and modernism. We can decide ourself whether we want to play, we also criticize, but we deal sensitively with topics like religion and tradition, we don’t want to attack or hurt anyone.”, Batuhan said. However, it must be said that only about ten percent of the Turkish population thinks radically. The actor suppose: “ I my mind, people thinking like that, are very interesting. On the one hand they hate actors like me and on the other hand, they watch gossip shows every evening. They would never allow their kids to become an actor, it would be unthinkable. I had these problems too. From a part of my family I did not get the support I hoped for.” But there were other people in Batuhan’s environment who have encouraged him early to follow his dream and to believe in his talent. “Everything began in second class. During the breaks I’ve made small improvisations for my friends, at some point my teacher became aware of and was totally thrilled. Subsequently, she gave me the last two classes of every day, where I should entertain the others with my improvisations. It was a great time.” To these roots Batuhan had to return during his studies at the “Hacettepe University Ankara State Conservatory. “One of my instructors once said to me: ‚If you really want to be an actor, go to an elementary school, tell stories to the children or play for them. If they pay attention and listen to you, come back and let’s go.‘ That is one of the reasons why I like to work with children. Their reactions are always pure, they show you if it is boring.” This also led Batuhan to come to Berlin. A staff exchange of the “European Theatre Convention” gave him the possibility. His contact person in Germany, Lasse Scheiba ( theatre teacher at the “Junges Deutsches Theater”), will return the visit next year. At the “Junges Deutsches Theater”, the actor had the opportunity to accompany it’s work for a month and to give workshops. The 28-year-old could quickly identify differences to his youth work in Turkey: “For the youngsters in Germany it’s easier to “get lost” while playing, they are more open-minded, they try many new things. That’s really different in Turkey, the teenagers are often more shy, you can feel the pressure from the society. It’s a pity! Playing in my mind is source of being human. Acting is acting. It’s just about yourself about your body and your soul , if you succeed to listen to yourself acting is the simplest thing you can do. Playing is human nature. When we are little children we play. Mother, Father and Child for example. We develop ourselves in other characters. We get older and we lost that skill. But especially for actors it’s important to hold on this, but also in general, it’s the easiest way to develop ourselfes.” When I asked the actor about his intentions and goals while playing, he replied: “Sharing. Firstly sharing. To tell stories. I believe in stories, in fairy tales. There is so much hope in it. Moreover it’s a possibility to dive into other worlds, to learn so many new things, to become a better human. Hope is what I want to share, to create a world far away from reality for two or three hours.” But Batuhan only consider the stage as display format: “I couldn’t imagine to be a film actor. I need the atmosphere, the “live reactions” from the people. I want to play for humans and not for plastic and glass. For me film actor and stage actor are two different jobs- like interior decorator and outdoor architect.”
But the unknown architecture of Berlin fascinated Batuhan. “Actually I had an “SBahn ticket” for my time in Berlin, but I haven’t used it that much. I went most of my ways by walking. The city is a unique museum for artists. I really like the architecture, especially the one from the ‚Reichstag‘.” Of course he visited many theatres, a total of fifteen plays he watched while his time in Berlin. “That was a totally new and interesting experience for me. In Germany there are more “theatre styles” and they all have their own focus. That’s different to Turkey, in course of all theatres belong together. Among the German actors something caught my attention. They think to much, when they are on stage. That’s why they cannot show feeling easily and fast. That’s different with Turkish actors, we don’t think, we simply do it. I do not devalue their work it is just different, but good. I mostly liked the plays “Schnee” at the “Maxim Gorki Theater” and “Verwandlung” at the “Junges Deutsches Theater.” After his statement about the German actors I asked Batuhan about the differences in the mentality of Turkish and German people. He laughed: “I waited for this question all the time! I think German people are too serious. They think and work too much. Also, I think that you have a generation gap. The older people aren’t so well integrated in society as it is in Turkey. From 48 years, not much is going on here with the people (laughs again). In Turkey its very different, I think we are more caring and more open-minded in contacts with strangers, its like a big ’neighbourhoodcomunity‘. We have no plan for the future, but we live in the here and now. That’s good on the one hand, but bad on the other hand. Back home there is not a lot done for the following generation, in Germany it is better and more organized.” Batuhan definitely wants to visit Berlin again and could possibly imagine to live here. “The city offers so many opportunities for a fresh start, especially as an artist Berlin is great to develop oneself.” Equally to the first day of the visit, the 1st of May was a special experience: “In Turkey there are always demonstrations on this day and the police act’s aggressively against the people. And in Germany? Party everywhere!! I was sitting in a bar, as a police-car passes through, I was a bit scared. But then, the policemen started dancing. That was so crazy!! I’ve never seen a policemen dancing.”
The most surprising statement of the almost two hour lasting interview for me, was when Batuhan told me, that he don’t like actors. “The most actors are so selfish and egoistic, that’s not me. At my circle of friends are only normal people. No actors.”

Ich danke Phoebe Janssen, welche mich bei der Übersetzung des Artikels tatkräftig unterstützt hat.

Marie Greiner, 17

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