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Moral ist aus der Mode.

„Halte ich für doppelmoralische Scheiße.“ Das klingt unangenehm, nach einem Hauch Streber und einem Hieb Strenge. Vor allem sagt das so niemand mehr.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Poesie sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden! 

Wie verlogen, denke ich mir dann oft. Heute gibt es Phänomen, die sind schlichtweg makaber. Vlogger, die Primark bewerben und en masse Luxusartikel einkaufen, dabei Floskeln in die Kamera sagen wie:

„Mode ist auch eine Form des Ausdrucks; Kleidung unterstreicht den Charakter.“

Wie geschmacklos, sage ich mir dann fassungslos. Soll das bedeuten, diese Vorbilder für tausende Follower sind charakterlich genauso giftig, ausbeuterisch, billig und austauschbar wie die Klamotten des Konzerns?

Dabei ist die Plattform eine riesige Chance. In sozialen Netzwerken initiieren Twitter-Manische mitunter Diskussionen, an denen jeder teilnehmen kann, der Internetanschluss findet. Hashtags dienen heute als Katalysator für politische und gesellschaftliche Bewegungen.

In einigen Branchen, Beispiel Modeindustrie, sind Blogger aktive Mitgestalter und anerkannte Trendsetter. Wo geht dieser Trend nur hin, zweifle ich dann. Moral jedenfalls ist aus der Mode gekommen.

Außerdem kann Moral auch als das Gegenteil von bösen Handlungen angesehen werden. In diesem Fall spricht man dann von „moralisch gut“ und beschäftigt sich vor allem damit, was der Mensch als richtiges, gutes oder gerechtes Handeln ansieht.

Diese Definition von wasistwas.de passt zu meiner romantischen Idee von guten Werten, die geteilt werden. In der Realität entscheiden wir das für uns. Ob das so gut ist?, grüble ich dann. Es gibt ein ganz spannendes Wort, nämlich die Doppelmoral. Das Wort ist abwertend und wird benutzt, wenn gleiches Verhalten unterschiedlich beurteilt wird. Insbesondere, wenn jemand andere für ein Verhalten verurteilt, das er selbst pflegt.

Ich würde diesen Begriff gerne erweitern. Auf die Gepflogenheit, dass jemand sein eigenes Verhalten mit zweierlei Maß misst. Für mich klar vorhanden in folgenden Situationen: Tierschutz unterstützen, aber durch Tierversuche getestete Kosmetik tragen. Sich tolerant nennen, aber immerzu auf die Norm pochen. „Ausländer raus!“ rufen, aber Kleidung made in China tragen und Früchte aus Andalusien kaufen. Kein Geld für bio-Nahrung oder faire Produktion oder Obdachlose haben, aber 3000 Euro für Silvesterknaller ausgeben.

Lese ich meine Beispiele, wird mir mehr und mehr klar, wonach ich andere bewerte: Nach ihrer Art, mit Fremden umzugehen, deren Schicksal sie nicht kennen. Nach ihrer öffentlichen Haltung Menschen gegenüber, die ärmer oder verrückter sind als sie. Nach dem Maß an Respekt, welches sie ihrem Gegenüber zollen und wie sie über Personen sprechen, die nicht anwesend sind.

Ich achte darauf, welchen Wert sie ihrem Leben geben und worauf sie brennen, und auf welche Art und Weise sie das tun: Mit geradem Rückgrat und authentisch oder zwielichtig und unaufrichtig. Ja, ich gebe es zu, mir sind Leute auf Anhieb sympathischer die sich mit Problematiken zumindest auseinandersetzen, sich gesellschaftlichen DRahtseilakten immerhin bewusst sind und die ihr Verständnis so global wie möglich halten, bestrebt, beständig ihr Wissen erweitern.

Warum? Weil ich mich selbst nach genau denselben Werten messe. Grob geschätzt werden wir alle einen Automatismus entwickelt haben, durch dessen Filter wir die Menschen wahrnehmen. Deshalb verstehe ich einige Menschen weniger als andere. Und keiner kann von dem anderen verlangen, die eigenen Werte anzupassen. Das ist Selbstbestimmung, gebe ich dann vor mir zu.

Gehen wir deshalb nur einen Schritt weiter, sagen wir, möglicherweise zieht jeder eben solche Gleichgesinnte in sein Leben. Vielleicht macht uns das bewusst, wie sorgfältig wir unseren Charakter gestalten und wie bedacht wir handeln sollten. Ob wir die Entwicklung mögen oder nicht: Unsere Welt ist global geworden. Unsere kollektiven Taten, gut wie schlecht, betreffen wesentlich mehr als uns allein. Es gilt, das bei aller YOLO-Marnier zu bedenken.

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