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Kein tränenreicher Abschied: Phrasen adé

Es gibt in unserem Leben Situationen, die einen sensiblen Umgang erfordern. Nicht selten bedarf es dann präziser Sprache, um Streits zu entkräften: bevor sie eskalieren.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Poesie sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!

Doch gerade die deutsche Sprache bieten wunderbar leere Worthülsen. Es sind Sätze, die nicht angreifbar sind, weil sie im Grunde nichts aussagen. Diese mit nichts anderem außer Luft gefüllten Sprechblasen haben auch nicht das Ziel, Sinn zu ergeben.

Gemeinhin fallen sie in die Kategorie der Floskeln, Redewendungen und Phrasen. Einfache Platzhalter, geschaffen für fehlende Worte die man schnippisch auch als Produkte mangelnder Zeit zum Denken werten kann. Und trotzdem transportieren gerade sie situationsbedingt heftige Gefühle.

„Ich bin auch nur ein Mensch“ ist da ein Beispiel. Na Mensch. Ich auch. Sieben Milliarden andere Lebewesen teilen diese Eigenschaft. Homo sapiens überall. Die Aussage an sich ist damit ein überflüssiges Satzsegment, einzig dafür da, Sprachlosigkeit zu kaschieren oder Schuldgefühle und Mitleid zu schaffen. Meine Nackenhaare kräuseln sich bei diesem Satz.

In das kollektive Bewusstsein weltweit erfahrungsgemäß schon bei Kindern als emotionale Erpressung eingeimpft, zusammen mit: „Ich habe dich unter Schmerzen zur Welt gebracht.“ Wer mit diesen Floskeln konfrontiert wird, fragt sich mitunter, was damit nun anzufangen ist.

Manche Menschen beschäftigt diese Eigenart insbesondere in der deutschen Sprache so sehr, dass sie Bücher darüber verfassen. Hans-Otto Schenk spricht mir mit folgendem Zitat aus der sprachsüchtigen Seele:

„Dabei macht jede Floskel für sich noch kein schlechtes Deutsch aus. Allein ihr unablässiger, zwanghafter und unbewusster Gebrauch weist ihre Verwender als Menschen aus, die sich kaum, nicht hinreichend oder gar nicht mehr der Mühe sorgfältiger und präziser Formulierung unterziehen.“

Floskeln waren nämlich nützlich gedacht. Sie wurden eingesetzt, um unangenehmes Schweigen zu brechen. Immer intensiver, als live-Phänomen wie das Fernsehen und Radio groß wurden. Medien, in denen Reden auf Zeit zur Jobbeschreibung gehört.

Im Alltag aber sind sie allerhöchstens Lückenfüller in Momenten, in denen uns gescheite Worte fehlen. Oftmals ist ein genügsames Schweigen für alle am Gesprächspartner das Beste. Bewusstes Schweigen als eine Haltung, damit Phrasen nicht zu legitimen Antworten verkommen, das wär doch mal ein Trend.

*Zitat aus: Hans-Otto Schenk: Deutsch als Papageiensprache. Floskel-Deutsch – und wie man ihm empirisch auf die Schliche kommt. In: Wortschau Nr. 10/2010, S. 8-11, ISBN 978-3-9812928-5-5

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