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Ich hab die Haare hässlich

Achtung: dieser Artikel birgt oberflächlichen Inhalt.

Egal wie picobello Kleidung und Kosmetik auch sind, der Kopf muss mitmachen. Meine Mähne sah zwar noch gesund aus, doch ich bin ein Feind von Spliss; meine Devise: Vorbeugung besser ist als Nachsorge. Sparfüchsin, die ich bin, löste ich dafür ein einmaliges Angebot ein.

Ein bisschen rebellierte ich damit gegen meine Mutter. Sie sagt stets, dass ich nur zu C., der Friseurin unseres Vertrauen gehen sollte. Freitag siegte der gefährliche Cocktail aus Geiz, Bequemlichkeit und dem Bedürfnis, sich gegen den eigenen Menschenverstand zu stellen. Als demnach ein Gutschein für einen Haarschnitt in meinen Briefkasten flatterte – eine Kette eröffnete die dritte Filiale in meiner Nähe – sah ich den Schicksalswink für meine Haarspitzen und ging C. , der Friseurin meines Vertrauens, fremd.

Der erste Eindruck zählt
Vor dem mit geschmacklosen Luftballons geschmückten Eingang angekommen, begrüßte mich eine Auszubildende mit Sekt (nein, danke, Apfelschorle bitte), während ein junger Mann, offensichtlich der jugendkulturellen Modeerscheinung Emo angehörig, einem Typen die Haare schnitt. Mir war mulmig zu mute. Doch jetzt umzukehren kam für mich nicht in Frage, aus Höflichkeit und Trotz und Abenteuerlust.

Ich erklärte der dritten Person in diesem viel zu grell beleuchteten Raum, einem blonden Mädchen mit giftigen Augen, mein Anliegen: die Spitzen vor meinem Urlaub schneiden, damit das Salzwasser sie nicht zu Spliss verkommen lässt. Mehr wäre nicht nötig.

Umso verwunderter war ich, als Blondchen mir kopfschüttelnd und Kaugummi kauend mitteilte, wie mitgenommen meine Haare seien (die Beschreibung traf eher auf ihr Spiegelbild zu) und mir mit ihren Finger anzeigte, was sie „abnehmen“ wollte.

Ich war nie das Mädchen, das heult, wenn ihre dunklen Strähnen auf den Boden segeln
…von daher gab ich mein Okay. Meine Haare fielen mir über die Brust, und brustlang hätte ich toleriert. Ohne Nachfrage wurde ich zur Waschstraße geschickt.

Dieser Part ist eigentlich eine Form von Luxus gegenüber dem Trockenschnitt : der Kopf wird mit warmem, weichem Wasser berieselt, das Shampoo schön duftend in die Haarwurzeln massiert, wodurch sich oft der Alltag aus dem Hirn wäscht.

Die Azubine hingegen bearbeitete meinen Kopf wie eine Walzmaschine, während mir das Wasser rauschend in die Ohren lief. Ich nahm mich zusammen. Ich saß am kürzeren Hebel. Ich bat lediglich darum, meine Ohrmuscheln zu schützen. Sie gab ihr Bestes, während ich später verstohlen meine Ohren mit dem Handtuch trocknete.

Keine Barmherzigkeit für die Kundin
Nasse Haare bürsten ziept. Deshalb fragen Friseure nach. Nicht so hier. Blondchen bürstet nämlich Haare wie eine Fünfzehnjährige mit Wutattacke. Mein Kopf ruckte um sieben Zentimeter vor und zurück, während die Haarbürste, definitiv nicht Friseurbedarf, Stück für Stück in meinen Hinterkopf versenkt wurde. Wortwörtlich hat mein Kopf gewackelt, doch kein Anzeichen von Interesse. Es kostete mich Überwindung, diese Brutalität einzudämmen, aber ich bat Blondchen, meine Haare am besten zusammenzuhalten und damit um etwas Barmherzigkeit für meine Kopfhaut und füge gedanklich hinzu: weil ich diesen Laden sonst nicht nur hässlich, sondern mit Kopfschmerzen verlasse.

In stummer Verzweiflung sah ich zu, wie sie die Schere in meine Spitzen rammte, und suchte in ihren Augen Professionalität, Service oder Reue. Nada. Dann, als ich wie ein gegen den eigenen Willen geschorener und nasser Pudel da saß, kam die Sache mit dem Föhn.

Die Sache mit dem Föhn

„So. Du bist fertig.“ Ja, fertig mit den Nerven und der Geduld, denke ich. Draußen ist es kühl. „Ehm, die Haare werden jetzt aber schon noch geföhnt?“ „Naja, besser du föhnst selber, weil wenn ich dir jetzt die Haare föhne, macht das 20 Euro extra.“
Da habe ich dann wirklich laut losgelacht. Doch es war kein Witz, Föhnen kostet in dieser Filiale zwanzig Euro. Ich nahm den Föhn an der Wand, föhnte mir die übrigen braunen Pinselstriche, die mal lange Haare waren. An der Kasse zeigte Blondchen sich dann von ihrer schönste, falsch-freundlichen Seite. Nun ja, jetzt weiß ich, dass Mütter manchmal eben doch recht haben.

Bildquelle: Norbert Roemers  / pixelio.de

Was es heißt, die große “Schwester“ zu sein!

 

Für die einen ist es unvorstellbar, für die anderen das Normalste auf der Welt: Aufwachsen mit Geschwistern und Verantwortung übernehmen. Was aber, wenn die Verantwortung immer größer wird und man statt der großen Schwester so etwas wie eine Mutter der eigenen Geschwister wird? BerlinImPuls-Redakteurin Felia weiß, was das bedeutet…

Bildquelle: Heike Berse  / pixelio.de

Bildquelle: Heike Berse / pixelio.de

Ich war 13, als mein zweiter Bruder geboren wurde. Es war eine Hausgeburt, meine große Schwester half dabei. Ich hingegen schlief seelenruhig in meinem Zimmer – direkt oben drüber. Heute ist das anders. Heute wache ich gleich auf, wenn er schlecht träumt. Die Geburt meines Bruders ist wohl rückblickend eines dieser Ereignisse, welches mein Leben für immer verändert hat. Damals war mir noch nicht klar, welche Rolle ich später spielen würde. Ich habe nicht darüber nachgedacht. Ich fand es am Anfang ganz normal, für meinen Bruder da zu sein, mich um ihn zu kümmern. Schließlich kannte ich das von meiner Schwester bei mir. Aber heute frage ich mich schon: Wo hört Geschwisterfürsorge auf und wo fängt Mutter sein an? Ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Und außerdem: Gibt es etwas, was man nicht für geliebte Menschen macht?

Meine Mutter ist keine typische Mutter, wie man sie kennt. Sie liebt uns Kinder von ganzem Herzen. Sie ist aber keine Übermutter, sie hat uns als selbständige Kinder aufgezogen. Sie hatte keine einfache Kindheit, das macht sich heute noch bemerkbar. Besonders hasst sie typische Merkmale einer „perfekten“ Familie, wie zum Beispiel um Punkt 12 Uhr Mittagessen. An sich ist das ja nichts schlimmes, aber es ist auch nicht immer sehr leicht mit ihr. Sie ist für mich eher so etwas wie eine Freundin als eine Mutter und mit den Jahren ist sie nicht mehr so stark und belastbar, wie sie es einst war. Ich unterstütze sie in vielen Dingen und versuche, ihr die eine oder andere Last abzunehmen.

Geschwister halten zusammen – egal, was kommen mag

Als Teenie-Mutter ist man nicht unbedingt reif für ein Kind. Das ist die Meinung der meisten. Ich denke, viele wachsen in diese Rolle erst herein. Ähnlich war es wohl auch mit mir. Kaum war mein kleiner Bruder auf der Welt, sind wir aus privaten Gründen in einer Nacht und Nebel – Aktion (mal wieder) umgezogen. Und das ohne den Erzeuger meines Bruders. Meine Schwester wohnte schon alleine in der Hauptstadt. Also habe ich mit meiner Mutter und meinen beiden kleineren Brüdern zusammen wieder einmal neu angefangen und Fuß gefasst. Neuer Ort, neue Schule, neue Leute. Das bedeutete, jeder packt mit an und hilft, wo es geht. Wie in jeder normalen Familie eben auch. Aber was bedeutet normal? Für mich bedeutet dies, mein Leben und meine Familie so zu nehmen, wie ich sie kenne. Und dazu gehört eben auch, dass Geschwister zusammenhalten – ganz egal, was kommen mag.

Von heute auf morgen wurde meine Rolle auf den Kopf gestellt

Bildquelle: Dieter Schütz  / pixelio.de

Bildquelle: Dieter Schütz / pixelio.de

In den Jahren nach dem Umzug habe ich mich sehr viel um meinen Bruder gekümmert. Ich habe ihm die Windeln gewechselt, ihn gefüttert, mit ihm gespielt, mich mit ihm beschäftigt, ihn getröstet, wenn es nötig war. Und nebenbei war ich dann auch noch ein Teenager, der zur Schule ging, ein schmutziges  Zimmer hatte, der spät ins Bett gegangen ist und auch gern mal online war. Und doch war bei mir einiges anders. Meine Mutter musste für eine Weile ins Krankenhaus, mein Vater hatte nicht genug Platz in seiner 1-Zimmer Wohnung. Und das Jugendamt wollte meiner Schwester nicht drei Kinder aufbürden. Also bin ich mit meinen beiden kleinen Brüdern an einem Sonntag in ein Betreutes Wohnen gekommen. Rückblickend gesehen, war das eine „gute“ Erfahrung für mich – aber damals war es schwer und alles andere, als erleichternd oder schön, denn im Betreuten Wohnen wurde meine Rolle total auf den Kopf gestellt – und das nicht gerade sanft.

Erwachsene treffen auch nicht immer die richtige Entscheidung

Ich war es  gewohnt, für meinen ganz kleinen Bruder zu sorgen. Er war doch noch so klein und auf mich angewiesen. Doch dort wurde er mir von einen auf den anderen Tag regelrecht entzogen. Zu schnell. Man wollte mich abrupt in die Rolle der Schwester zwängen und mich von dem stellvertretendem Mutter-sein entlasten. Dafür dachten sich die fünf Betreuer, die für unsere WG zuständig waren, verschiedene „Maßnahmen“ aus. Mein Bruder schlief bei den Betreuern, damit ich nachts keine Flasche geben musste, er saß beim Essen am anderen Ende des Tisches, damit ich nicht auf die Idee käme, ihn zu füttern oder ihn mit dem Latz sauber zu machen. Das war für mich alles überhaupt nicht nachvollziehbar. Erwachsene treffen einfach nicht immer die richtige Entscheidung! Man kann doch kein kleines Baby ohne Mutter in eine fremde Umgebung mit lauter neuen Gesichtern schicken und dann auch noch die Bezugsperson so wechseln! Ein Baby kann seine Gefühle nicht in die Welt schreien. Es ist auf sein Umfeld angewiesen und vertraut auch darauf. Vertraut auf seine Bezugsperson. Doch Erwachsene haben nun mal das Sagen, sie wissen oft besser, was „gut“ ist. Ich war und bin zwar kein Psychologe, aber ich kenne meinen Bruder. Ob es nun sein Ritual beim Schlafen gehen ist oder was sein Weinen bedeutet – ich wusste das einfach und musste nun regelrecht ertragen, wie sich fremde Menschen um ihn kümmerten, obwohl ich in der Nähe war. Heute denke ich: Es ist nicht gerade die Aufgabe des Jugendamtes zu GUCKEN, was das Beste für Kinder ist. Ich hätte mir gewünscht, sie hätten es durch WORTE versucht. Ich war erst 13 und nichts anderes gewöhnt, als Verantwortung zu übernehmen und eine tiefe Bindung zu meinem kleinen Bruder zu haben. Ich habe bis heute nicht verstanden, wieso es für ein kleines Baby in einer Zeit, wo gerade ein fester Halt im Leben so wichtig ist, besser sein sollte, alle paar Stunden von einer fremden Person betreut zu werden als von der eigenen Schwester. Diese „Maßnahme“ wurde mir nie erklärt – darüber haben die Betreuer mit mir nicht gesprochen. Das sie mich aus pädagogischen Gründen in eine andere Rolle drängen wollten, kann ich heute nur erahnen – damals war es einfach nur schmerzhaft.

Mit den vielen Regeln haben sie mir das bisschen Freizeit schon wieder genommen

Bildquelle: Norbert Roemers  / pixelio.de

Bildquelle: Norbert Roemers / pixelio.de

Die Zeit im Betreuten Wohnen war für mich generell ein totales Neuland – und ehrlich gesagt auch eine heftige Herausforderung. Auch wenn ich erst 13 Jahre alt war: Ich war selbstverantwortlich, selbstständig und es nicht gewohnt, klare Regeln befolgen zu müssen. Nach „Hause“ zu kommen, gemeinsam zu essen, am Tisch mit den anderen Kindern Schulaufgaben zu machen, kurz Freizeit zu haben. Im Endeffekt wurde mir das bisschen Freiheit mit diesen vielen Regeln schon wieder genommen. Und Vertrauen konnte ich auch nicht aufbauen, denn es folgten weitere Überraschungen. Die Betreuer entschieden, meinen Bruder zu einer Tagesmutter zu geben. Noch eine fremde Person für so ein junges Wesen. Noch heute frage ich mich nach einem Sinn für das Ganze. Mal davon abgesehen, wie ich mich damals gefühlt habe. Ich war total hilflos, meine Aufgabe, mein Lebensinhalt wurde mir genommen und durch ein paar Regeln ersetzt, die nicht mal auf mich abgestimmt waren. Man konnte mich einfach nicht mit gleichaltrigen Teenies in eine Schublade stecken. Ich war doch viel reifer und war mehr Verantwortung gewohnt! Und das war mir sehr wohl bewusst.

Es schien völlig egal, das ich daneben stand

Und das Vertrauen wurde ein zweites Mal gebrochen. Meine liebste Betreuerin aus dem Betreuten Wohnen kam auf die tolle Idee, im Sekretariat meiner Schule, welches voll von Lehren und Schülern war, meiner Direktorin zu erklären, dass ich jetzt in ihrer Einrichtung leben würde. Es schien ihr völlig egal, das ich daneben stand und es mir mehr als unangenehm und peinlich war. Es war grauenhaft. Ausgerechnet die, die sonst nichts von mir wussten würden Freude daran haben, weiterzutratschen, was sie mitbekommen hatten. Ich lege eigentlich nicht viel Wert auf die Meinung fremder Leute, aber die Gesichter zu sehen, zu erahnen wie sie über mein Leben und mich urteilten, ohne auch nur einen meiner Wege gegangen zu sein, ohne auch nur einen einzelnen Tag von mir erlebt zu haben – wer würde dabei keine negativen Empfindungen verspüren?

Mittlerweile bin ich 18 Jahre alt und mein Bruder ist 5. Ich habe einen wunderbaren Freund, habe mein Fachabitur mit 2,2 bestanden. Ich wohne bei meiner Mutter mit meinem kleinen Bruder. Wir stehen uns immer noch nah und das wird sich auch nicht ändern. Ich weiß, dass es auch Nachteile hat: Es beansprucht meine Zeit. Aber es ist auch toll. Mein kleiner Bruder ist mir sehr ähnlich. Außerdem sind Kinder wunderbar. Sie haben Fähigkeiten, von denen sich die meisten Erwachsenen eine Scheibe abschneiden sollten. Kinder verurteilen Menschen nicht. Die meisten Erwachsenen beurteilen die Fehler anderer wie Staatsanwälte und die eigenen wie Verteidiger!

Was es bedeutet, eine große Schwester zu sein? Jeder muss irgendwann Verantwortung übernehmen, so viel steht fest! Manche von uns können vielleicht nur länger Kind sein als andere. Im Leben geht es nicht darum, gute Karten zu haben, sondern darum, mit schlechtem Blatt gut zu spielen! Kaum einer weiß von all dem Kram, den ich gesehen habe, dem Zeug, das ich erlebt habe. Ich weiß, dass meine Vergangenheit mich geprägt und zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Ich wünsche mir keinesfalls eine andere Vergangenheit.

 

Nichts ist leichter, als den Übeltäter zu verurteilen;

nichts ist schwieriger wie ihn zu verstehen.

(Fyodor Dostoevsky)