„Wir müssen reden“ – Wenn Dichtung zuschlägt

… oder eine Moment-diese-Aufführung-dauert-drei-Stunden-Aufnahme. Im Heimathafen Neukölln fand am 19. Juli mit dem „Saalslam“ wieder Neuköllns größter Poetry-Slam statt.

Ein prachtvoller Saal ist es, das warme Licht in den goldenen Verzierungen der bequem anmutenden Stühle gefangen. Nur die Bühne ist etwas stärker beleuchtet und muss den Vorhang nur anstrahlen, anstatt farblich zu kaschieren; im weltgewandten Rot gehalten ist er der perfekte Hintergrund für die Künstler, die diesen Abend ihre Werke präsentieren. Sie bemühen sich um Kontrast, um Leben, um Vielfalt, bittere Wahrheiten und humorvolle Anekdoten – es scheint egal, ob sie über Raufasertapeten oder Hamster in Afghanistan reden. Es ist die Sprache die fesselt, die Stimme mit der gearbeitet wird und die Performance ist geschliffen bis auf den letzten Buchstaben.

Auf der prunkvollen Bühne tragen die Slammer ihre Werke vor.

Auf der prunkvollen Bühne tragen die Slammer ihre Werke vor.

 

Für Svenja nicht? „Ich wollte eigentlich üben, aber das hat sich irgendwie nicht ergeben..“ Die Worte der jungen Slammerin verwirren mich. Ihr „Gedicht“ vereinte Ruhe und den Drang alles so schnell wie möglich zu erledigen, die Wärme einer Beziehung und einen Pfefferminztee der kalt geworden war. Auch wenn sie kaum geübt hatte, ihre präzisen Betongen und ihr versatiler Sprachgebrauch haben überzeugt. „Ich habe schon immer geschrieben.. Aber ich wurde erst durch eine Freundin, die mit einer Slammerin zusammenlebt, auf diese Sache aufmerksam“, erzählt sie mir. Sie ist schon seit anderthalb Jahren im Geschäft, im Körper eines Poetry-Slammers.Die Zuschauer gehen in die Pause – letzte Überlegungen werden getroffen. Für welchen Slammer werden sie stimmen?

Die Zuschauer gehen in die Pause - letzte Überlegungen werden getroffen. Für welchen Slammer werden sie stimmen?

Die Zuschauer gehen in die Pause - letzte Überlegungen werden getroffen. Für welchen Slammer werden sie stimmen?

Poetry-Slams sind Dichterwettstreite. Doch vor allem sind Poetry-Slams eine Bühne für Gedanken, Ideen und Worte die irgendwann zu viel in den Köpfen waren. In einer Welt die sich in den rasenden Bahnen der neuen Technologien bewegt wird der Wunsch danach, den Worten ihre Fremdheit zu nehmen immer größer. In Deutschland allein fanden im Jahr 2009 über 100 regelmäßige Poetry-Slam Veranstaltungen statt.

Svenja ist auf sich allein gestellt. Ein Poetry-Slammer darf keine Kostüme, Freunde, keine Instrumente mit in die Schlacht nehmen. Doch die höchsten Töne werden mit der wichtigsten Waffe angeschlagen. Dem eigenen Kopf, der eigenen Sprache. „Ich dichte hauptsächlich anspruchsvolle Lyrik“, klärt Svenja. Eine wichtige Aussage, denn man findet häufig nur zwei Texttypen in den Schlachten – humorvolle Texte, die mit intelligenten Pointen den Lachmuskeln der Zuschauer keine Pause gestatten und emotionale, sehr menschliche Texte in denen man sich wiederfindet und dessen Worte einen noch lange begleiten werden. „Es variiert sehr“, antwortet das Mädchen auf die Frage, wie ihre Dichtungen entstehen, „meist ist es eine Idee oder ein Satz der mir in den Sinn kommt, die ich dann zu einem längeren Text ausbaue.“ In den anderthalb Jahren ihres Slammerdaseins konnte sie schon Erfahrungen auf zahlreichen Berliner Slams sammeln, trat auch schon im Team mit anderen Slammern auf.

In die zweite Runde des Saalslams „Wir müssen reden“ schafft es Svenja nicht. Das durchwachsene Publikum, jung und alt, zwischen Menschen deren deutsch so hoch ist, dass man es kaum versteht und Menschen die gar kein deutsch sprechen hat mit ihren Chips für andere Künstler gestimmt. Sergio, der erste Finalist, stellt ein Chatgespräch in vielen verschiedenen Sprachen dar. Aber Sergio hat sich des Humor wegens einen Freund zur Seite gestellt – und wird trotz begeisterten Publikums diqualifiziert. „Poetry-Slams finden ohne Zusätze wie Instrumente, andere Personen oder Kostüme statt“, erklären die Moderatoren Tilman Birr und Maik Martschinkowsky, „Wir können da keine Ausnahmen machen.“ Der nächste Kandidat, Sudan, schreibt einen unverblümten Text mit unerwarteter Pointe an seine Exfreundin, welcher ebenfalls beim Publikum auf großes Wohlwollen stößt. Obwohl der nächste Slammer, Daniel Hoth, in der ersten Runde auf eine humorvolle Improvisation gesetzt hatte, wartet er in dieser Runde mit einem emotionalen Text auf. Die Reaktionen des Publikums sind in solchen Fällen schwerer abzusehen, das Thema schwer exakt zu fassen – vielleicht nimmt Klarheit dem Ganzen die Magie – aber der enorme Applaus danach ist mehr als gerechtfertigt. Sarah kämpte in der ersten Runde gegen eine Mücke in ihrem Schlafzimmer, nun kämpft sie gegen „Es“ – die inneren Bedürfnisse, die Gier, die Lustlosigkeit, die Lust und immer mit einer Flasche Vodka an den Lippen beschreibt sie die inneren Dämonen die einen im Alltag bedrängen.

Die Finalisten Daniel und Sarah verteilen Flyer, um Zuschauer für andere Slam-Shows zu gewinnen.

Die Finalisten Daniel und Sarah verteilen Flyer, um Zuschauer für andere Slam-Shows zu gewinnen.

Sudan und Sarah können mit ihren menschlich greifbaren Texten gewinnen. Sie sehen nicht glücklicher oder trauriger als vor der Bekanntgabe aus. Vielleicht ist der Kampf Routine geworden. Mit blauen Flecken übersäht fühlt man nichts mehr.

Svenja wirkt etwas bedrückt, gar melancholisch. „Ich hätte mehr üben sollen.“ Sie wirkt enttäuscht von sich selbst, doch sie starrt gedankenvoll in die Leere und man weiß, dass sie bereit ist hart an sich zu arbeiten. Sie willigt ein, in der BerlinImPuls-Sendung über Sprache aufzutreten, die auch einen Bericht über einen Saalslam enthält. Was wird sie vortragen? „Das wird eine Überraschung. Mal schauen.“ Ich bin mir sicher, dass die Überraschung positiv sein wird.

Eure BerlinImPulserin Doro

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Und natürlich in einer baldigen BerlinImPuls-Sendung…