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Lieber Arsch als Kiefer

„Das wirst du auch nicht mehr erleben.“

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Mittelfingermentalität sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!
Ich hoffe, das war ein Versprecher meiner Physiotherapeutin. Der Satz war ihre Antwort auf die folgende Small-Talk-Aussage „Ich weiß nicht mal mehr, wie sich ein gesunder Rücken anfühlt.“ meinerseits.

Ich habe es wieder soweit kommen lassen
Ein bisschen ärgere ich mich schon. Darüber, dass ich zu viel sitze. Darüber, dass ich es schaffe, selbst fünf Minuten sanftes Dehnen am Tag zu umgehen. Darüber, dass ich manchmal nachts nicht einschlafe, weil meine Lendenwirbel knirschen und oft genug Migräne habe, weil meine Schultern und mein Nacken verkrampft sind.

Mein Körper zwickt.
Ich starte hungrig in den Tag, weil mein Kiefer knackt, wenn ich Müsli esse. Ich starre auf die verstaubten High Heels in meinem Schrank und blicke resigniert auf meine ausgebeulten Fußknöchel. Meine Knie knacken, sobald sie annähernd 90 Grad gebeugt sind.

Ich schäme mich dafür, wie lange mein letztes typgerechtes Training her ist. Ich mag keine Studios. Ich springe gerne Springseil, aber was nützt das schon? Ich bin fassungslos darüber, wie lange ich Besuche beim Orthopäden aufschiebe. Meine Orthopäde ist es auch. Meine Physiopraxis auch.

Eine Chronik des Schmerzes
Ich habe angefangen, mich zusammen zu reißen. In meiner ersten verschriebenen Physiotherapie 2014 erhalte ich Massagen für meine Muskeln und lerne Kräftigungsübungen. Sechs Termine lang. Dann heißt es alleine weitermachen oder noch einmal zum Arzt. Ein Rezept holen für sechs neue Termine beim Therapeuten.

Dieser Therapeut möchte gerne herausfinden, wo die Ursache für meine Schmerzen liegen und nicht nur die Symptome behandeln. Ich möchte gerne, dass er das wahre Problem erkennt, habe aber keine Zeit und kein Geld. Ich nehme die Übungen mit nach Hause, wo ich sie vier Wochen später leider nicht zur Gewohnheit gemacht habe.

Kiefer und Zeh und der Körper als Ganzes
Damals hat mein Physiotherapeut gesagt: „Da, wo es jetzt schmerzt, das ist nicht der Anfang.“ Es schmerzt damals wie heute, nach mehr als einem Jahr bei Besuch zwei in der Praxis, nicht mehr nur in den Lendenwirbeln. Heute zwickt es auch in meinen Schultern, in meinem Nacken. „Es wandert.“. hat mein Physiotherapeut mich damals aufgeklärt. Jetzt stehe ich mit Blockierungen im Brustkorb bis in die Kopfgelenke und mehreren Funktionsstörungen vor demselben Physiotherapeuten und er sagt einen ähnlichen Satz wie 2014: „Wir haben nicht viel Zeit. Aber dass dein Brustkorb wehtut, kann mit deinem Kiefer zusammenhängen, könnte sogar mit deiner Lunge zu tun haben. Deine Rückenschmerzen könnten von deinem Zeh ausgehen.“

Der Körper in Gänze ist ein Wunder. Mein Körper ist ein tüchtiger Betrieb, und ich habe die richtige Wartung dieses genialen Betriebssystems verlernt. Und lerne jetzt, wie die Pflege geht.

Unsere Körper werden nicht jünger
Ich weiß, ihr lacht jetzt oder bedauert mich oder nickt stumm. Vielleicht kennt ihr keine Altersgebrechen mit zwanzig jungen Jahren. Vielleicht gehört ihr aber zu dieser Gruppe Menschen, die sich an diese Symptome nach und nach gewöhnt haben.

Falls nicht: You’re the lucky ones. Trotzdem, wir werden mit der Zeit durch unsere Erfahrung mental stärker, unsere Knochen und Körper aber verlieren an Substanz.

Was ihr tun könnt, damit wir uns nicht in der Physio begegnen

  1. Schließt eine Krankenversicherung ab, falls ihr keine habt. Gesetzlich versichert reicht für den Anfang.
  2. Geht einmal im Halbjahr zum Orthopäden. Lasst euch durchchecken. Fordert ihn auf, nach Fehlhaltungen zu schauen, lasst eure Sensomotorik und Gelenkigkeit, und vor allem eure Beweglichkeit prüfen.
  3. Steht nach 90 Minuten Sitzen auf, konsequent. Sitzen ist zumindest in einem Punkt bewiesen dem Rauchen ähnlich: beides auf Dauer schädlich.
  4. DEHNEN! Okay, es tut weh, es ist ätzend, es langweilt. Im Gegensatz zu Fitnessübungen lassen sich Dehnungen immerhin in den Büroalltag integrieren. Beim Kaffee kochen oder unterm Schreibtisch. Wirklich, es wirkt wie Magie.
  5. Die Sonne ist da. Raus mit euch, ab nach draußen. Bewegt euch.Fahrt Fahrrad. Springt Springseil. Spielt Fußball. Tanz mit Hula-Hoop-Reifen. Macht Wettrennen. Geht spazieren. Lauft zügig zu Bahn. Nehmt die Treppen.
  6. Schlaft. Meditiert. Macht Pausen. Mind-wandering. Macht euch lang. Auf Anspannung folgt Entspannung. Viele körperliche Probleme gehen auf Stress zurück. Selbst physische Symptome haben oft gedankliche Ursachen.
  7. Ich weiß, ich weiß. Ich bekenne mich schuldig:Handtaschen sind bunt, geräumig, praktisch, überlebenswichtig. Und sie versauen einseitig getragen den Rücken. Habe noch keine Alternative gefunden, außer den Rollkoffer. Kann nur empfehlen, so wenig wie möglich mitnehmen. Die Schultern wechseln.
  8.  Tut dem gesamten Körper besser als die konzentrierte Verkrampfung: Lieber Arsch zusammenkneifen als Kiefer.
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