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Phänomenaler Unterricht

Finnland wird die landeseigenen Schulen reformieren. Dem Horrorwort Frontalunterricht wird in der Reform wenig Bedeutung zugemessen…

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Poesie sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!

Finnland sagt nun hei hei! zur alten Schule        
Die Fächer von anno dazumal bleiben erhalten, werden jedoch nicht strikt voneinander getrennt. Die Inhalte sollen vielmehr aufeinander bezogen werden, um das Verständnis für Zusammenhänge über den Tellerrand hinaus zu ermöglichen. Unterrichtet wird weiterhin mit der Basis, die Schule seit jeher ausmacht, wobei die SchülerInnen verstärkt über die Fächergrenzen hinaus gestupst werden.

Die Bildungseinrichtungen, Lehrschaffenden und auch die finnische Bevölkerung sollen das Konzept positiv aufgenommen haben. Bereits 2016 sollen die Schulen reformiert unterrichten. An dem längeren Prozess der Reform sind jene Schulen und die Lehrerschaft ebenso beteiligt gewesen wie die Städteräte.

Über 300 Personen haben laut Ms Irmeli Halinen (Direktorin für die Weiterentwicklung des Bildungsplans) an dem neuen Lehrplan mitgewirkt. Ihre Hauptmotivation ist es, eine Umwelt zu schaffen, in der gerne und zukunftsorientiert gelernt wird.

Auf die Interessen setzen
„The Finnish National Board Of Education“ will den Interessen der SchülerInnen deshalb mehr Aufmerksamkeit widmen. Den Rahmen bilden praxisnahe Themen und nicht allein die typischen Fächer, die nur in den Grundlagen lebensverbunden sind. In diesem geplanten Teil des Konzepts bearbeiten die SchülerInnen gesonderte, auf aktuelle Phänomenen bezogene Aufgaben in größeren Gruppen.

Die Stärke, selbständig Lösungen für Probleme zu finden, rückt dabei zusammen mit anderen Kompetenzen in den Fokus. Moderne Herausforderungen wie Nachhaltigkeit, die voranschreitende Globalisierung und die Digitalisierung sind einige Beispiele für den roten Faden der Projektphase. Für den Anfang gilt der Rahmen, diesen Schwerpunkt einmal jedes Schuljahr umzusetzen.

Damit können sich SchülerInnen künftig nicht mehr auf die anleitende Stimme verlassen, die von der Tafel herüberschallt. Dafür gilt es, sich mehr denn je als Teil einer funktionierenden Gemeinschaft zu fühlen, in der jeder seinen Platz und seine Daseinsberechtigung hat.

Ein ganzeinheitliches Bildungsbild        
Frau Halinen sagt in ihrem Statementvideo klar, dass Können in Mathe und Co. essentiell ist. Aber es reiche eben nicht aus. Zur erfolgreichen Bildung eines jeden Bürgers in Finnland gehören ebenso Werte und eine gute Haltung, Willenskraft und die Fähigkeit,  sich das eigene Wissen und die Einzigartigkeit zu Nutze zu machen: im alltäglichen Leben, für die Gemeinschaft und um die Welt als Ganzen zu verstehen.

Die sieben Kernkompetenzen
Für die Reform haben sie gemeinsam sieben unverzichtbare Kernkompetenzen festgehalten:

  1. Über das Lernen nachdenken können und die eigene Lernkraft erkennen.
  2. Achtsam mit sich selbst umgehen.
  3. Den Alltag gut bewältigen können.
  4. Kulturelle Kompetenz und sich artikulieren können
  5. IT-Verständnis
  6. Unternehmertum
  7. Eine nachhaltige Umwelt schaffen

Kann man das ernst nehmen?
Man kann jetzt zweifeln, ob die das schaffen, auch wenn Testläufe viel versprechen. Kann sich bedroht fühlen von dem plötzlichen Aufschrei in den Medien. Kann auf andere Länder verweisen, wo alles noch soviel schlechter ist, auf Orte ohne Schulen oder dunkle Flecken auf der Landkarte, wo lernen in Gefahr leben bedeutet.

Man kann aber auch dankbar sein. Dankbar dafür, dass die obere Instanz der finnischen Bildung auf die Kritik hört, die an dem Schulsystem in ihrem Land laut geübt wurde. Diese Aktion formt mein das Gefühl: so eine aktive Bildungsministerin wünsche ich mir auch.

Es war nicht alles schlecht                                        
…doch mehr schlecht als recht, wenn ich mich an meiner Oberstufenzeit zurückerinnere. Eine Bildung, die ihre Wurzeln in dem industriellen 19. Jahrhundert schlägt, heute noch so strikt zu unterrichten – nur in verkürzter Zeit und in übervollen Klassen – ist keine Bildung, die sich die Mehrheit der Lernenden (und Lehrenden) wünscht. Dieser Eindruck entstand auch hierzulande mit dem Tweet einer siebzehnjährigen Schülerin über den mangelnden Nutzen ihrer Ausbildung. Bis auf die öffentliche Debatte aber ist davon noch nichts in die Praxis gelangt.

Vorreiter Europas: der skandinavische Norden                        
Manchmal habe ich mich schon gewundert, warum mich Skandinavien beeindruckt. Weshalb die Dänen Jahr für Jahr als die weltglücklichsten Menschen bezeichnet werden. Ich habe auch pflichtbewusst an mein rostiges Fahrrad im Keller gedacht, als Kopenhagen zur Hauptstadt der umweltbewussten Fahrradfahrer wurde.

Bewunderte im Studium die schwedische Bevölkerung dafür, gemeinschaftlich monatelangem Dunkel zu trotzen und staunte, dass mich ihre Sprache allein irgendwie entspannt. Habe stumm und andächtig registriert, dass ein dänischer Professor das Fach Pornografie an allen öffentlichen Oberschulen vorschlägt und wahrscheinlich durchsetzt. Ziel: Kindern als Aufklärung in der Schule Pornos zeigen, um so sagen: so geht echter Sex nicht.

Finnland auf dem Radar
Als ehemaliger Guide für Junggesellenabschiede war mein einziger finnischer Berührungspunkt bisher eine Gruppe à zwanzig Finnen in einem Steak&Strip-Restaurant. Nach diesem Abend habe ich mich mit diesem Land nicht weiter beschäftigt. Die Flüche meiner Mitstudis über die komplizierte finnische Sprache und Grammatik in den Nordeuropastudien haben mich in meinem Desinteresse eher weiter bestätigt.
Bis jetzt.

Der oben angeführte Artikel wurde nachträglich aktualisiert, nachdem sich die deutschen Medienquellen als fehlerhaft herausgestellt haben. An der Meinung der Autorin zu der Bildung in Deutschland und an dem Daumen hoch zu der Idee Finnlands hat sich jedoch nichts geändert.

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