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Ich bin morgens immer tanzen

Manche Ideen können nur aus Berlin kommen. So feiert man in der Hauptstadt neuerdings um 6.30 Uhr in der Früh: danach düst man zum Arbeitsplatz. Ein Rückblick.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Poesie sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!

Lohnt es sich wirklich, im Morgengrauen und mit Glitzer im Gesicht Richtung Neue Heimat aufzubrechen? Unter den Einladungen auf Facebook sticht der Vorschlag heraus: die Party mit dem zweideutigen Namen„Morning Glory“ erregt Aufsehen. Mit gleichsam Verrückten vor der Arbeit tanzen gehen, laut den Veranstaltern ist das der perfekte Start in den Tag. Der Gedanke, zwei Stunden früher als gewöhnlich aufzustehen widerstrebt mir.

Die Neugier siegt

Mittwochmorgen, 05.30 Uhr, alles in mir schreit WARUM. Als Antwort setzte ich meine nackten Füße auf den viel zu kalten Boden und mache mich fertig. Der Spiegel sieht genauso fahl aus wie ich. Statt in die graue Jeans schlüpfe ich in eine Pailettenhotpants und ziehe mir einen dramatischen Lidstrich. Jene Minitasche, die sonst nur bei Clubnächten zum Einsatz kommt, baumelt verwirrt an meiner Schulter. Im Gepäck habe ich zwiespältige Gefühle und das Ticket für 12 Euro. Unterwegs erkenne ich schnell, wer gleich mit mir zu Electroswing und 80-Samples abgehen wird.

Irgendwo zwischen Sportpants, Einhorn und Ganzkörperanzug

…bewegt sich der Dresscode. Überhaupt ist modisch das Motto: du kannst nie zu exzentrisch aussehen. Eine Frau mit grün gefärbtem Sidecut, alltagstauglich gekleidet in der Bahn, erkenne ich später kaum in ihrem Bienenkostüm wieder. Ein Kerl im leuchtenden Ballerina-Tutu jubelt. Inmitten dieser Schau angekommen, bietet sich ein legendärer erster Eindruck: kunterbunte Menschen, tiefer Drop, zuckende Gliedmaßen und das ganze Szenario bei hellem Licht. Die lachenden Gesichter und die geteilte Euphorie bestimmen die nachfolgenden fünf Stunden.

Ein ganzheitliches Programm für Körper und Seele

Zentral liegt die Tanzfläche mit riesigem DJ-Pult. In den Räumlichkeiten kann man sich zudem bemalen lassen. Nach zwei Stunden pinselt mir eine Visagistin ein pink-schwarzes Leomuster auf meine gewünschte Gesichtshälfte. Für lau! Das Yogates-Angebot wird in Anspruch genommen. Die Aufwachmassage haben wir leider nicht finden können. Müde wird man trotzdem weniger, denn es gibt keinen Alkohol, dafür Kaffee und Kakao. Die Stimmung ist gut, niemand baggert. Das mag auch daran liegen, dass im güldenen Sonnenaufgangslicht getanzt wird statt in anonymer Dunkelheit. Es ist angenehm, dass sich die Menschen bewegen, weil ihnen danach ist und nicht, weil Wodka oder Weed das Bewusstsein beflügeln. Okay, außer bei ein paar Gestalten, die sich aus dem Berghain verlaufen haben.

Jeden Monat wieder

Das Publikum ist gemischt. Sogar ein paar Damen und Herren 65+ verfallen in Ekstase (ab dem Alter ist der Eintritt umsonst!). Der Ansturm ist groß, seitdem es die Veranstaltungsreihe auch bei Facebook gibt. Der Hype? Ausnahmsweise mal verständlich. Ich bedauere gerade, dass meine Morgende nach diesem Mittwoch wieder monoton beginnen, nachdem ich aufbreche. Dann erfahre ich: seit Dezember gibt es den Zirkus monatlich. Ich schicke meinem Lieblingsonkel eine Sms: „Bin zum F-Hain cool kid mutiert.“ Seine Antwort: „Mutier mal schnell zurück.“ Doch ich bin schon zu sehr im Sog der Sonnenanbeter versunken.

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