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Kippenpause in der Pampa: Von Möhren, Tratsch und stinkendem Brot im Regionalexpress

 

Letzte Woche hat BiP Reporterin Lilly Jogwer euch erzählt, wie man für 80 Euro ein ganzes Herbstferien-Wochenende in Hamburg verleben kann. Heute berichtet sie von unglaublichen Situationen, denen sie auf dem Rückweg im Regionalexpress begegnet ist… Ihr seid gespannt? Das könnt Ihr auch sein! Los geht´s!

Was ist das letzte, was man sich nach einem auszehrenden Ostsee-Wochenende, dass man fast ausschließlich nur auf dem Fahrrad radelnd oder den Strand entlang spazierend verbracht hat, wünscht? Eine stundenlange Zugfahrt, auf der man nicht im Geringsten zum Schlafen kommt. Des Geldes wegen, wählten meine Freundin und ich das Fahrrad und den Regionalexpress um von Rostock zurück nach Berlin zu fahren.

Willkommen im Regionalexpress

Erschöpft kamen wir am Bahnhof an und hievten unsere gefühlt tonnenschweren Fahrräder in den ohnehin schon fragwürdig alt aussehenden, roten Zug. Ungeachtet der zwei Mittvierziger-Alt-Berliner-Frauen von gegenüber, ergatterten wir die zwei letzten Sitzplätze nebeneinander und schlugen unsere Bücher auf. Nach nicht mehr als 4 Zeilen wurde ich auch schon von der Stimme der mir gegenüber sitzenden, prollig aussehenden Frau aus dem Lesefluss gerissen. Nicht das mit Glitzersteinen besetzte T-Shirt und die viel zu eng aussehende Jeans, sondern ihre ungesund tiefe, kratzige Stimme weckte meine Aufmerksamkeit. Sie drängte ihre Freundin, eine ein wenig beleibtere, liebenswürdig aussehende Frau mit adretten Löckchen in der Stirn, dazu, ihr doch mal die „Bild der Frau“ zu geben, da sie ihre bereits ausgelesen und Lust auf ein weiteres Kreuzworträtsel hatte. Das Alpha-Tier hörte auch nach dem dritten Mal: „Nee, ick bin doch selber noch nicht fertig“ auf zu quengeln. Dieser akustisch dominante Wortwechsel forderte meine Konzentration so sehr, dass ich das Anfahren des Zuges gar nicht bemerkte.

Es gibt sie wirklich: Schaffner mit guter Laune! 

Als ich endlich wieder in mein Buch schauen konnte, wurde auf einmal die Abteil -Tür aufgeschwungen und eine mächtige, ca. 1,80 m große Schwarzhaarige Frau mit Blümchen-Ohrsteckern kam herein getänzelt. Mit flötender durchdringender Stimme bat sie jeden Gast einzeln um sein Zugticket und das mit einer guten Laune und einem Optimismus, den ich so schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen habe. Mit einem schallenden Lachen auf den Lippen schwang sie sich auch schon in das nächste Abteil.

Kippenpause in der Pampa

Ein halbes Stündchen widmete ich mich also meinem Buch, die grölende Studenten-Gruppe in der hintersten Reihe zwanghaft ignorierend. Ein wenig später knüllte ich meinen Pullover zu einem provisorischen Kissen zusammen und versuchte an die Fensterscheibe gelehnt, zu schlafen. Aus meinen Träumen geweckt wurde ich von einer ohrenbetäubend lauten und quietschenden Zug-Ansage, dass wir nun eine Weile in der Prärie halten würden, da wohl einige Flitzer den lahmen Uralt-Zug überholen wollten. Dem nicht genug, animierte der Sprecher die Fahrgäste zu einer netten Raucherpause, welche den halben Zug auf den Bahnsteig beförderten. Unsere liebenswerte Studentengruppe schaffte es nicht einmal, sich eine Zigarette zu drehen, da fuhr der Zug schon wieder an. Schnaufend schob sich die nette Kreuzworträtsel-Frau auf ihren Platz und packte übel riechende Sandwiches zum aus. Ihre Stirn-Löckchen-Freundin erkundigte sich nach ihrer Raucher-Pause, woraufhin diese strahlend meinte: „ Ja Mensch, ne halbe Kippe hab ick nur jeschafft. Aber wat solls, meen Hals hört sich schon viel besser an“. Meine Freundin und ich tauschten einen kurzen Augenbrauen hochziehenden Blickwechsel und versuchten dem Gestank der belegten Brote auszuweichen. Die Fahrt sollte nun nicht mehr lange dauern, nur leider verleiteten die vielen Haltestellen den Zugsprecher dazu, grölende Durchsagen zu tätigen. Nicht lange und unser ganzes Abteil lachte unentwegt.

Öko-Paare essen alles zu zweit

Das sollte uns also die Fahrt bis zum Berliner Hauptbahnhof versüßen? Noch nicht ganz – denn nicht zu vergessen das frisch verliebte Öko-Pärchen, Mitte 40, neben uns, dass es nicht lassen konnte, sich kichernd gegenseitig Kohlrabi, Möhren und Gurken in die Münder zu schieben. Einige Küsse und ein wenig zu laute Gespräche über den neuen Schrebergarten später, fuhr der Zug schließlich in unseren heiß ersehnten Bahnhof ein. Die gutherzige Schaffnerin wünschte uns noch einen schönen Abend und wir stiegen glücklich wieder auf die Räder.

Die Zugfahrt war anstrengender als das ganze Wochenende und doch auch belustigend… im Nachhinein :-)

 

Allseits gute Fahrt wünscht

Lilly Jogwer

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3 Tage, 80 Euro, 1000 Eindrücke und jede Menge Kissen: Ein Wochenende in Hamburg!

 

Mit folgender Problematik hatte ich diese Herbstferien zu kämpfen: Ich bin minderjährig, habe nur wenig Geld und meine eigenwillig geforderte Selbstständigkeit lässt auch keinen Urlaub mit den Eltern mehr zu. Um trotzdem das Gefühl haben zu können, weggefahren zu sein, überlegte ich mir also, mir meine Freundin zu schnappen und einen Städtetrip zu organisieren. Meine Wahl fiel auf die Hansestadt Hamburg, die einerseits der Wohnort meiner Kindheit ist, sowie andererseits die für mich als einzig schöne, aufregende Stadt neben Berlin in Deutschland existiert. Wie ich das trotz knapper Kasse geschafft habe, erzähle ich dir…. hier!

Um das Budget zu schmälern, sollte die Reise nur 3 Tage, also von Freitagmittag bis Sonntagabend andauern. Mithilfe der Internetseite www.mitfahrgelegenheit.de fanden meine Freundin Cora und ich also Norbert und Susanne, mit denen wir unser Bahnticket teilen und für Hin- und Rückfahrt nur läppische 20 Euro bezahlen mussten. Einige Anrufe genügten, um durch alte Freunde einen Schlafplatz und ein Treffen zum Brunch festzumachen. Mit einem Backpacker-Rucksack vollgestopft mit scharfsinnig ausgewählten Outfits, einer Kamera, Geld genug und sonstigem unnützen Zeug stapften wir also zum Berliner Hauptbahnhof um Norbert zwischen einer Traube verschiedenster Menschen anzutreffen. Dieser hatte aus dieser Mitfahrgelegenheit-Idee ein wahres Geschäft gemacht. Kein Problem für uns, nur finde mal in einem vollen Regionalexpress 14 Sitzplätze. Wie dem auch sei, irgendwie haben wir alle einen komfortablen Sitz gefunden.

Von unserer überaus kontaktfreudigen Art geleitet, machten wir sogleich Bekanntschaft mit dem Studenten Nikolaus, der uns von einem Festival am Samstag erzählte. Das kam uns natürlich sehr gelegen, da wir ja gerade auf einen solchen Spaß aus waren. In Hamburg besorgten wir uns Augenwimpern klimpernd das günstigste S- und U-Bahnticket und legten unsere Sachen bei einer liebenswerten alten Freundin ab. Jetzt konnte es losgehen.

Mit einem Haustürschlüssel, einem Regenschirm (ja, es hat wie erwartet geregnet) und allerlei anderem Ausgeh-Repertoire, erkundeten wir die Schanze, die Reeperbahn und den Hafen. Zu Fuß wohl gemerkt. So günstig das Bahnticket auch war, für den Abend hätte es sich nicht gelohnt. Eine mir bis dahin noch nicht aufgefallene Eigenschaft der Hamburger scheint es zu sein, dass uns durchweg dazu geraten wurde ,doch ein Taxi zu nehmen – und das für magere 10-15 Minuten Fußweg. Irgendwie auch charmant, diese Gemütlichkeit. Diese Leute müsste man mal in Berlin aussetzen…

Auf der Schanze entdeckten wir die Bar „thiers“, die zwar ziemlich klein, aber voller cooler Leute und sehr „einlullend“ war. Nach einem Bierchen ging es dann weiter zur Reeperbahn, die uns, wie angekündigt, mit vielen Strip-Clubs und Neon-Leucht-Schildern an Las Vegas erinnerte. Die dort herum laufenden Leute und Clubs verscheuchten uns schnell wieder – dennoch ein ganz guter Tipp für alle über 18-Jährigen: Als Mädchen bekommt man ein Dutzend Freikarten für die verschiedensten Clubs und kann spaßeshalber alles Mal durch probieren – für Lau. Da dies bei mir und Cora nicht der Fall ist, liefen wir also weiter zum Hafen und kamen ohne Probleme in den Angelclub, welcher eher unserem Geschmack entsprach. Unter Papierlaternen, zwischen unverputzten Wänden und genau der richtigen Mischung aus DrummnBass und Dub Step tanzten wir schlussendlich die ganze Nacht durch und konnten in den Morgenstunden das wunderschöne Lichtermeer des Hafens genießen.

Um das Wochenende vollends zu nutzen, quälten wir uns früh genug aus dem Bett um noch ein wenig an der Elbe spazieren zu gehen, eine heiße Schokolade in der mir sehr wohl noch bekannten Strandperle zu trinken und in meinem alten Stadtteil Ottensen etwas essen zu gehen. Das Meer sozusagen fast vor der Nase zu haben, das ist wirklich ein Privileg. Auch die Innenstadt ist zugegeben ein wenig schöner als in Berlin.

Weit, weit weg von diesen mir bekannten Orten befindet sich Wilhelmsburg und genau dort fand das uns empfohlene Festival am Samstag Abend statt. Die „soul kitchen“ , ein stillgelegtes Fabrikgebäude, wurde liebevoll von den Veranstaltern hergerichtet. Alte zusammen gewürfelte Sofas, Sessel und Tische, eine Zuckerwatte-Maschine, Laternen und Blumen sowie ausgestellte Kunst jeder Art, bildeten den Ort für das Festival „Freigeister“. Die verschiedensten Bands und Künstler trugen ihr Können vor, während meine Freundin und ich, ein wenig schlaftrunken von der letzten Nacht, auf einer gemütlichen Couch an unserem Bier nippten. Einige Gespräche mit neuen Bekanntschaften, eine Zuckerwatte und einen Cocktail später wurden wir wieder einmal zum Tanzen animiert. Eine alternative Band spielte laute, verrückte Musik und ein Haufen Kissen wurde von der Decke fallen gelassen. Wir befanden uns urplötzlich in einer atemberaubenden Kissenschlacht und stolperten wie gerupfte Hühner aus dem Gebäude. Erschöpft liefen und fuhren wir sodann nach Hause, um dort augenblicklich einzuschlafen.

Am Sonntag hieß es dann rechtzeitig aufstehen, um vor der Rückfahrt noch im Café Knuth zu brunchen und meine alte Kindergarten-Freundin Linn zu treffen. Ein so unglaublich leckeres Frühstück für einen vernünftigen Preis haben wir lange nicht gegessen. Begeistert ist gar kein Ausdruck für diese Glücksmomente mit Croissant und Milchkaffee. Nur verging die Zeit zu schnell. Die Rücksäcke geschultert warfen wir noch einen letzten Blick auf dieses wundervolle Hamburg und stiegen mit Susanne in den Zug zurück in unsere Lieblingsstadt.

Wir haben, wie geplant, insgesamt 80 Euro ausgegeben und ein unvergessliches Wochenende erlebt. Wir werden wieder kommen und empfehlen einen solchen Trip unbedingt weiter. Und Mädels: In Hamburg gibt es unzählige attraktive Männer, wir konnten uns gar nicht satt sehen :-)

Eure BerlinImPulserin Lilly

 

Die wichtigsten Links auf einen Blick:

http://www.qype.com/place/22339-Thier-Hamburg

http://www.angelklub.org/

http://www.strandperle-hamburg.de/

http://de-de.facebook.com/Soulkitchenhalle

http://www.qype.com/place/1877722-Soul-Kitchen-Hamburg

http://cafeknuth.com/

 

Das Hamburg-Wochenende in Bildern