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Freundliche Kettenreaktion

In viralen Videos geht es nicht nur um Sex, Babys, Welpen. Im Trend liegen auch Kurzfilme. Der Inhalt: das Prinzip vom Geben als solches, mit Protagonisten, die Gutes tun. Kleine Gesten werden porträtiert und ihre großen Wirkungen.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Mittelfingermentalität sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!
Liegt es am Frühling?
Mein Leben ist wie ein solcher Film. Mit aller Ehrlichkeit kann ich sagen, dass jeder freundliche Fremde meinen Tag nachhaltig beeinflussen kann durch seine Güte. Mein Alltag zeigt die Kettenreaktion der Freundlichkeit.

Die Umsonst-Kiste
Mich hat an einem üblen Tag eine wirklich schöne Geste von einem Unbekannten gerettet. Diese Person hat einen Karton auf den Fenstersims der Hauptstraße gestellt, über die ich missmutig gestakst bin. Der Karton war gefüllt mit Schmökern zum Verschenken. Bücher, von denen ich drei mitgenommen habe. Daraufhin habe ich drei Bücher meinerseits aussortiert. Aktion da, Reaktion hier.

Zwei Wochen später standen auf meinem Heimweg dann weitere Kisten, von einer gütigen Bewohnerin Berlins. Gefüllt mit Haushaltsgeräten, mit Spielzeug und Ratgebern. Die Geschenke haben nicht nur dankbare Abnehmer gefunden, sie ließen auch zaghafte Gespräche unter Leuten enstehen, die sich im Vorbeigehen sonst nicht in die Augen sehen.

Über diese Umsonst-Kiste übergebeugt begegnen wir uns also auf Augenhöhe. Die Bewohnerin hat über ihre Tat gelächelt und die Kiste weiter bestückt. Sie hat ihren Besitz zwar aufgegeben, dafür ihresgleichen einen unverhofften Glücksmoment beschert.

One womans trash is another womans treasure
Angetan von der Idee, bin ich dem Beispiel der Bewohnerin gefolgt. Weil mich mein überfülltes Zimmer schon lange anstinkt, habe ich die Ecke rund um mein Bett und Stoffschrank radikal entrümpelt. Die Schreibtischlampe, die Pailletten-Pumps, die Romane sind in gutem Zustand, nur halt Besitztümer einer Variante von mir, die es so nicht mehr gibt.

Ich habe die alte Umzugskiste und die Plastikbox mit fehlendem Deckel zu einer „Verschenk- und Umsonstkiste“ umfunktioniert. Und meinen Haufen auf die Straße gestellt. Einen Tag später hat eine Person augenscheinlich beide Kisten für sich beansprucht, was so nicht gedacht war. Doch egal wer meine Sachen jetzt vertrödelt: sie sind da besser aufgehoben. Als Staubfänger in meinem Zimmer hatten die Dinge keinen Wert mehr – für mich.

Einzig die Chelsea-Boots stehen jetzt im Gras an dem Platz, wo meine Geste mal zu sehen war. Sollen sie doch als Blumentopf dienen.

Freundlicher Kassierer
Seit diversen Jobs im Dienstleistungsbereich achte ich auf die Freundlichkeit von Kassierern, Ladenverkäufern und Beamten in Behörden. Mir begegnet dort meist die personifizierte Form der Unfreundlichkeit . An diesem Tag aber war ein junger Mann an der Kasse des Supermarkts, der augenscheinlich überfordert mit seiner Situation war und neu in seiner Position.

Die Dame vor mir, der Suffi hinter mir und ich ebenso bekamen trotzdem ein freundliches Hallo, eine kleinen Spruch mit auf den Weg, ein ehrliches Lächeln. Nicht oft ist es so, dass die Schlange gerne wartet, aber diesem Charme wollte sich keiner der Wartenden entziehen.

Beim Schleppen meiner Einkaufstüten war ich dann gut gelaunt. Ich habe Passanten zugelächelt. Mir war die rote Ampel egal. Trödelnden Passanten, die meinen Weg versperren, bin ich mit erstaunlicher Geduld begegnet. Ich war den Leuten gut gesinnt, weil mich zuvor der Kassierer mit seiner Leichtigkeit angesteckt hat.

„Gesundheit“ ist vielleicht nicht mehr knigge, nett schon
Meine Allergie in diesem Jahr: ausgeprägt. Vier Tage lange Ruhe, dann Nieskrampf im Kiosk. Ein „Gesundheit“ kommt aus der Ecke nehmen mir, ich höre das Lächeln der Stimme schon an.

Natürlich bedanke ich mich, weil das eine Aufmerksamkeit ist, die ich gerne höre, auch wenn Knigge sagt, dass es an mir wäre, mich für meinen Nieser zu entschuldigen.

Wie es bei Allergien so ist, bleibt es nicht bei dem einen Hatschiii und wie es mit freundlichen Menschen so ist nicht bei dem einen Gesundheit. So kommt es tatsächlich zu einem minutiösen Running Gag mit einer Fremden, die weder Alter noch Magazingeschmack mit mir teilt.

Spread the love!
Das Schöne ist: diese Utopie von Menschen, die sich umeinander kümmern und sorgfältig ihre Handlungen wählen, die gibt es nicht nur bei youtube oder vimeo. Wir können uns diese Protagonisten zum Vorbild nehmen und selbst welche sein. Klingt kitschig, gibt Beteiligten dafür ein Wohlgefühl und verbessert das Klima am Arbeitsplatz, in Schulen, auf der Straße.

Auf eine freundliche Aktion folgt so oft eine ebenso gute Geste. Eine Art Kettenreaktion der Freundlichkeiten. Gehörst du zu den Ersten, die den Anstoß geben?
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