Ebru Kirinci Trans X

Das Wunder der Aufklärung

Stell dir vor, du fühlst dich fremd in deinem eigenen Körper. Wie gefangen in einem Käfig deines Geschlechts. Sich das vorzustellen, ist einem wahrscheinlich erst möglich, wenn man es erlebt hat. Um es besser verstehen zu können, versuche ich zu fühlen, wie es wäre, meine Brüste nicht mehr an mir haben zu wollen… puh, gar nicht so leicht.

von Celine Kempen

Das im Hinterkopf behaltend, denke jetzt an dein Umfeld: Wie würde dein Umfeld reagieren, wenn du dich in deinem Körper unwohl fühlen würdest? Wären die Menschen in deiner nächsten Nähe tolerant? Flexibel? Warmherzig? Oder eher kühl? Distanziert? Vorwurfsvoll? Ein schwerer Weg von Transsexuellen!

Ebru Kiranci kann von einem toleranten Umfeld nur träumen. Sie ist eine bekannte Trans*-Frau/Aktivistin, die in Istanbul für die Rechte von Transsexuellen und Transvestiten, gegen ihre Verfolgung und Ermordung kämpft. Sie wurde von ihrer Familie, ihren Freunden und der Gesellschaft verstoßen. Schon seit 25 Jahren engagiert sie sich. Dafür wurde ihr vom CSD Berlin 2015 der „Soul of Stonewall Award“ verliehen.

Inspiration für dieses Thema hier war für mich die neue Dokumentation „Trans X Istanbul“. Die Deutschlandpremiere hat am 27.9. im Maxim-Gorki-Theater stattgefunden. Es handelt sich um ein Werk von Maria Binder mit Ebru Kiranci als Hauptdarstellerin. Binder beleuchtet den Alltag von Transsexuellen in Istanbul. Des Weiteren geht es um die Entstehung von Hassmorden und Diskriminierung in türkischen Städten, die gegen Trans*Menschen gerichtet sind und gegen die nicht ermittelt wird. In Ausnahmefällen werden die Täter gefasst – jedoch anschließend wieder freigelassen.

Viele türkische Bürger missachten Transsexualität, da diese oft in Verbindung mit sexueller Tätigkeit gebracht wird. Zwar prostituieren sich viele Transsexuelle, das hat jedoch andere Ursprünge: aufgrund ihrer Erscheinung und dessen, was sie sind, bekommen sie oftmals keine reguläre Arbeit. Doch nicht nur die Arbeitswelt bleibt Ebru und ihren Gefährtinnen verschlossen. Auch die Wohnungssuche gestaltet sich schwierig. Transsexuelle dürfen nur in bestimmten Gebäuden wohnen; sie werden regelrecht isoliert. Zudem kaufen große Firmen diese Gebäudekomplexe dann auf, um ein Hotel oder Sonstiges an dessen Stelle zu setzen.

Doch es reicht nicht, dass ihnen der Unterschlupf streitig gemacht wird. Die Nachbarn machen ihnen ebenfalls das Leben zur Hölle. Trans* Phoben stehen auf der Straße vor dem Gebäude und beleidigen und bedrohen die transsexuellen Bewohner des Wohnorts. und das jeden Tag. Hass-Worte werden schnell zu Hass-Attacken, zu Hass-Morden.

Um all dem zu entgehen, möchte Ebru ein Heim für Trans*Frauen errichten. Sie wird dabei von Maria Binders Mutter unterstützt, der 85-jährigen Margarethe. Nach der Vorstellung setze ich mich zu Ebru auf die Treppe vor dem Theater. Ich unterhalte mich mit ihr mithilfe ihres Übersetzers. Ich finde heraus, dass die Transsexuellen in diesem Heim auch psychologische Hilfe bekommen. Dort und in Gruppen können sie ihre Traumata verarbeiten, die sie durch körperliche und emotionale Gewalt erlitten haben. Doch wie bei vielen sozialen Projekten gibt es zu viel Nachfrage und zu wenig Unterstützung. Wie gut, dass es Frauen (und Männer!) gibt, wie Maria Binder und die Mitglieder ihres Teams, die sie voller Stolz auch auf die Bühne bat, als die Vorstellung um war. Das Team hat die Dokumentation auch in der Türkei gezeigt. Die Reaktionen waren allesamt wie erhofft: beschämt gaben viele Türken (auch Gläubige) zu, Transsexuelle falsch eingeschätzt zu haben. Es ist wichtig, dass über dieses Themen gesprochen wird. Aufklärung kann Wunder bewirken.

http://www.gorki.de/spielplan/trans-x-istanbul/1677/

Du interessierst Dich für dieses Thema? Engagier Dich bei Amnesty International, Partner dieses Projekts: https://www.amnesty.de/

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