Saubere Sache: Klos spenden

Man kann die Sekunden zählen. Nicht viel mehr als acht nach dem Spülgang gibt unsere Toilette gequälte Geräusche von sich. Erst ein kurzer Tritt bringt sie zum Schweigen. Immerhin: Wir haben eine. 

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Poesie sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden! 

Den Zugang zu hygienischen Toiletten? Nehme ich für selbstverständlich. Eine derart saubere Situation ist in Schwellenländern wie Indien trotz wirtschaftlichem Aufstieg nicht garantiert. Trocken-Klos oder Wasser zum Waschen sind entgegen Erwartungen nicht allein in indischen Slums dürftig, auch zentrale Städte haben Mangel. Die Frage stellt sich, wie sich eine Gesellschaft gut entwickeln soll, wenn es den Menschen an grundlegendsten Werkzeugen für die Befriedung ihre Bedürfnisse fehlt.

Es braucht Mut, um Misstände zu ändern

Vier junge Berliner haben sich eine Lösung ausgedacht, statt nur eine theoretische Antwort zu formulieren. Mitsamt Fahrrädern, dem 10 000 Kilometer entfernten Reiseziel Indien und ihrer Mission, 10 000 Euro Spenden für sanitäre Anlagen zu sammeln.

Unter dem motivierten Projektnamen „Guts For Change“ (zu deutsch: Mut zur Veränderung) schwangen sich Thomas, Maushami, Erik und Johann mit GPS-fähigen Smartphones statt Landkarte auf den Sattel. Ihr Ziel: die Millionenstadt Pune innerhalb 10 schweißtreibenden Monaten zu erreichen. Mit Kamera im Gepäck hat sich das Gespann bei ihrer persönlichen Tour de monde für den guten Zweck dokumentarisch begleitet.

Gestartet sind sie 2011 mit großem Publikum vom Brandenburger Tor aus, während sie via soziale Netzwerken ihre Unterstützer, Fans und Geldspender mit Bildern und tagebuchähnlichen Infos fütterten.

Wer meint, das klingt ganz nach größenwahnsinnigen Idealisten, die in ihrem freien Jahr nichts mit sich anzufangen wissen, der irrt. Der Plan ging auf.

 Soziale Misstände als sportliche Herausforderung sehen

Die kleine Dokumentation ist das erste Video seit Jahren, das ich mir vollständig und mit Begeisterung am Stücke anschaue. Auch nach dreißig Minuten lässt mein Fokus nicht nach. Zu sehen, mit wie viel Spontanität, Humor und Sportgeist sich die vier auf einen Weg durch zehn Länder machen, die unterschiedlicher nicht seien könnten: Brandenburg, Ungarn, Türkei, Pakistan…

Hier geht’s zum Video!

Überall gibt es intime Einblicke in das Land, die gastfreundlichen Menschen; erzählen die Fahrer von ihrem Muskelkater, von Freundschaften trotz Sprachbarriere. Alle vier wachsen zusammen. Zwischendurch werden sie auseinander gerissen, mal durch ein Jobangebot, mal durch den bitteren Fakt, das Maushami’s Visa aufgrund ihrer afrikanischer Abstammung und der politischen Lage im Iran nicht verlängert wird. So führen sie den ab dort an etwas steinigen Weg ohne Maushami, doch manchmal ist der Weg das Ziel, sagen sie selbst. Trost: Die 10 000 Euro sind nach Iran bereits erreicht, die Summe erhöht sich auf 15 000 für 15 weitere Toiletten. Heute hat sich GutsForChange als feste und transparente Organisation etabliert, die auch zukünftig ehrenamtliche Projekte unterstützt.

Ich ziehe meinen Fahrradhelm

Bei jenen Webseiten, auf denen sich Bilder für Facebook finden, hatte ich mir einst folgendes abgespeichert: „Lasst uns eine Schweigeminute einlegen für all die armen Leute, die mit ihrem Auto im Stau stecken, auf dem Weg zum Fitnessstudio, um dort stationäre Fahrräder zu radeln.“

Beschämt denke ich an mein Aufwärmtraining in besagtem Gym von gestern, an mein unbenutztes Klapperfahrrad im Keller und daran, wie viele gemeinnützige Projekte ich kenne und mich nicht einsetze. Statt Schweigeminute widme ich diese Kolumne als Hommage denen, die bereits aktiv werden.

Über das aktuell Projekte der „Guts For Change“- Gruppe könnt ihr euch hier informieren:

Hier gehts zu Gennas facebook-Kolumne! 

 

 

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