Nein.

Gestern am späten Abend befand ich mich erneut unfreiwillig in jener prekären Lage, in der ich mich allen Aufschreien, Artikeln und Mahnungen zum Trotz hilflos fühle.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Mittelfingermentalität sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!

Es ist mein letzter freier Donnerstag gewesen in diesem Monat und noch dazu ein Tag, auf den ein Feiertag folgt. Ich trete um 21. 30 aus der Haustür in Boots, Pulli und Lederjacke über der Jeans. Ich trage einen Schal über der Baumwolle und ein Augen-Makeup, das den Fokus auf ebendiese Partie lenkt. Draußen ist es dunkel und warm.

Ich gehe diese lange Straße Berlins lang zur S-Bahn und wie immer habe ich auf diesen Weg keine Lust. Nicht der Faulheit wegen, aber weil ich weiß, dass ich diesen Abend ganz bewusst nicht wie eine graue Maus aussehe. Und wessen Jagdtrieb das weckt.

Eine Stunde zuvor war das noch spaßiger Teil meiner Vorbereitungszeremonie für ein Treffen in der stilvollen Bar im Prenzlberg, kann aber schnell zur Farce werden. Vielleicht hätte ich mich nicht mental schon wappnen sollen. Vielleicht war es die berühmte „self fulfilling prophecy“.

Jedenfalls, nicht mehr als 500 Meter weiter, weniger als einen halben Kilometer entfernt von der Haustür scannt mein Auge die Straßen, Büsche und Autos und wird wachsam, als mich ein Mann merklich auf seinem Radar hat. Er läuft auf der anderen Straßenseite, in die andere Richtung und brüllt aber in meine. Ich behalte mein Schritttempo bei. Atme gleichmäßig ein und aus, ziehe aber den Griff fester um meine Tasche. Sage mir: „Der meint dich nicht. Der telefoniert. Hör auf, paranoid zu sein.“

Tatsächlich wechselt er dynamischen Schrittes die Seite, rennt den perfekt abgepassten Trampelweg über den Mittelstreifen zu mir und gesellt sich auf diesem menschenleeren, ellenlangen Gehweg zu mir. So etwas wie den 90 Zentimeter Abstand scheint er nicht zu kennen oder meine Privatsphäre bewusst ignorieren zu wollen.

„Hast du ne Kippe für mich?“ Innerlich fällt die Anspannung ab, auch wenn mich der niedrige Abstand unserer fremden Körper nervt und der angefixte Blick des bulligen Blonden. Diese Frage ist so typisch Berlin, und stellt keine Bedrohung dar. „Nee sorry,“ sage ich. „Ich rauche nicht. N Feuer habe ich auch nicht.“ Ich lächle bedauernd und laufe unbeirrt weiter, weil unser Gespräch damit für mich beendet scheint.

Wie naiv man doch sein kann. Egal wie viel Erfahrungen man sammelt, man will doch nicht verallgemeinern und mit Zuversicht als Frau nachts alleine durch die Gegend schlendern ohne den Schlüssel mit der zackigen Spitze nach oben in der Hand bereit zu halten.

Er nickt abgehackt in die Richtung meiner linken Hand. „Da glüht doch was.“ Ach ja, mein Ring mit den tausend bunten Fake-Kristallen. Hatte ich vergessen, strahlt halt, wenn das Licht ihn trifft, von der Laterne wie in diesem Moment. „Ist mein Ring.“ Sage ich knapp, und winke seine Aussage ab, sodass er den Ring sieht. „Krass.“ Sagt er und tritt noch näher an mich heran.

Er mustert mich widerlich offensiv von oben bis unten, sein Blick haftet etwas zu lange da, wo der Stoff des Pullis sich wölbt. „“Diese optischen Täuschungen, man man man.“ Ich gehe nicht darauf ein, wie viel Lüsternheit in seiner Tonlage mitschwingt und überlege, wann ich den Lustmolch loswerde.

Ich muss zur S-Bahn. Ich bin spät dran. Links ist die Straße, sonst niemand da. Rechts verlaufen die Häuserwände, zwischen denen eh noch der Typ als Hindernis ist. Es sind noch gut 350 Meter bis zum Bahnhof. Und bevor ich den erreiche, ist die Ampel im Weg. Ich muss noch zur Sparkasse. Rechts kommt gleich die Abzweigung. Ist zwar ein unnötiger Umweg und noch verlassener und düsterer als hier, aber bleibt mir als Ausweg.

Er fragt mich noch was und reagiert pissig als ich nicht antworte und grußlos scharf nach rechts an ihm vorbei in die kleine Querstraße an den geschlossenen Ladengeschäften hinter dem Parkplatzes einer Supermarktkette abbiege. Er lässt von mir ab, während ich später in der Sparkasse die Attraktion des Abends zu sein scheine.

Ich bin es satt und dieser Artikel ändert nichts daran. Ich kann im Kartoffelsack und Kurzhaarfrisur unfrisiert und mit Blick nach unten durch diese Stadt laufen und selbst oder gerade dann noch immer Zielscheibe sein von schlechten Anmachversuchen und Bedrängungen bis ins Physische. Muss mich noch mit der Wut, der Wollust und dem Hurenbild einer gewissen Sorte Männer herumschlage und in der Tat auch immer bereit sein, zuzuschlagen.

Und nein, ich trage keine Yogapants oder ein Dekolleté wie die Madames auf Ölportraits des 19 Jahrhunderts. Selbst wenn dem so ist, wer sagt das ich ein Vieh bin das man einfangen, umzingeln und belästigen darf?

Heutzutage reicht eine Brille und eine offene Mähne um in das Sekretärinnenpornoklischee zu passen und Altersgrenzen gibt es bei diesen Idioten eh nicht; umso mehr ich aussehe wie Hermine aus Harry Potter, umso älter werden die Herren, die sich mit mir in den Laken wälzen wollen.

Dabei ist das kein Werben um die Gunst einer Frau mehr oder ein arrangierter Wortstrauß an Komplimenten. Es ist wie Hetzjagd: möglichst schnell das Reh erlegen und davor zum Spaß halb zum Herzstillstand ängstigen.

Dafür gibt es keine Rechtfertigung. Es ist Belästigung.

Bringt das euren Söhnen, Kumpels, Lovern, Vätern, Chefs und Kollegen bei. Bevor wir, und ja ich rede hier von meinen Freundinnen, von Schwestern, Müttern, Kolleginnen, Chefinnen, Liebhaberinnen, diese fehlende soziale Ader des Benehmens und des zivilen Respekt wieder ausbaden dürfen.

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