Wie viel dürfen sich Medien erlauben ?

Die Berichterstattung über den Flugzeugabsturz in Frankreich – ein Armutszeugnis für den deutschen Journalismus

Ein Kommentar von Oliver Mattutat
(Beitrags-Foto: Dieter Schütz / pixelio.de)

Kurz nach der ersten Meldung über einen möglichen Absturz überschlug sich die deutsche Medienlandschaft. Es gab zwar noch keine gesicherten Informationen, aber um zu spekulieren, braucht man nicht zwangsweise Fakten. Und so häuften sich die Spekulationen im Fernsehen und auf den Internetseiten der Medienhäuser.
Es ist diese Art von Sensationsgier, die perfide erscheint. Der Zwang immer als erstes über das zu berichten, was gleich passiert, also schneller als „live“ zu sein, lässt für Fingerspitzengefühl keinen großen Raum. Ein Moderator bei den BBC World News ermahnte in den ersten Stunden nach der ersten Meldung, klar zwischen bestätigten Fakten und Spekulationen bzw. Behauptungen zu trennen. Leider haben nicht viele so ein Verantwortungsbewusstsein.

Im Laufe des Tages wurde es dann traurige Gewissheit. 150 Menschen starben bei dem Absturz. Darunter auch Schüler aus dem Gymnasium Haltern. So zogen die Kamerateams vom Flughafen Düsseldorf ab und machten sich auf den Weg nach Haltern, um von dort zu berichten. Leider fehlte es auch dort bei der Berichterstattung an allen Ecken und Enden an Feinfühligkeit. Nicht unkenntlich gemachte trauernde Schüler oder sogar Interviews mit Schülern wurden gesendet und publiziert. Wie extrem das Medienaufgebot in Haltern gewesen ist, zeigt der Bericht eines Schülers des Joseph-König-Gymnasiums. Am Anfang waren es nur Regionaljournalisten, die sich an der Schule befanden. Später dann mehrere Übertragungswagen von den großen Medienmachern. Die Bildzeitung rief sogar bei diesem Schüler an und wollte Informationen haben. Außerdem wurde bekannt, dass ein Spiegel-TV Reporter in Haltern an Türen geklingelt haben soll, um Leute zu befragen. Unglaublich wie weit Medienleute gehen, um an Geschichten zu kommen. Das war aber nur der Tag der Katastrophe.

In den folgenden Tagen kamen immer mehr Details über den Absturzhergang ans Tageslicht, die breit genug veröffentlicht und diskutiert wurden.
Als die Marseiller Staatsanwaltschaft dann den Namen des Co-Piloten veröffentlichte, machte dieser und ein Foto von ihm in sämtlichen Medien die Runde. Ob die Veröffentlichung des Namens nötig war, um dem Zuschauer einen Mehrwert zu geben, lässt sich diskutieren. Klar ist, dass alle Menschen mit dem gleichen Namen schnell eine volle Mailbox hatten. Nicht immer waren es nette Anrufe, wie man sich vorstellen kann.
Die Polizei suchte im Elternhaus des Co-Piloten nach Beweisen. Ein jeder, der im Fernseher den Beitrag über diesen Vorgang sah, konnte das Haus der Eltern im rheinland-pfälzischen Montabaur erblicken. Ob die Eltern, die mit den Tod ihres Sohnes schon einen großen Schicksalsschlag erlitten haben, in diesem Ort noch einen ruhigen Moment haben können, bleibt abzuwarten. Stand heute ist es zum Glück in Montabaur ruhig geblieben.

Dieses Unglück lehrt uns ,die im Medienbereich arbeiten, wieder mal, dass man seine Begierde nach aktuellen Nachrichten und Sensationen gerade in solchen Situationen zurückstellen sollte und Sendeminuten und Webseiten nicht mit Spekulationen zu füllen. Gerade dann gilt es den Pressekodex zu beherzigen. Dort heißt es in Ziffer 11:

Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid. Die Presse beachtet den Jugendschutz.

Es stellt sich die Frage auf: Hätten es nicht auch zwei oder drei Kamerateams am Gymnasium in Haltern getan? Die Aufnahmen hätten dann unter den Medienhäusern verteilt werden können. Ob drei oder zehn Kamerateams, das Abgebildete würde es nicht ändern. 
Das nächste medienintensiven Ereignis rund um den Flugzeugabsturz steht am 17. April an. Der Gedenkgottesdienst im Kölner Dom.
Hoffentlich wahren die Medien dort eine gewisse Distanz und lassen den Angehörigen und Freunde gebührende Ruhe, um zu trauern.

Wie hast du die Berichterstattung über den Absturz erlebt?

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