Let’s talk about Scham

Wird Jugendlichen das notwendige Wissen um Sex, Verhütung und Libidopannen schamfrei vermittelt? Zumindest derart schamfrei, dass es zu reibungslosen Anwendungen dieses Wissens käme? 

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Poesie sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!
Klappt bisher weniger. Diesen Eindruck bestätigt mir keine Statistik von Teenager-Geburten. Beweis für mich ist eher diese Unsicherheit. Die nicht aufhört, um so älter ich werde.

Wer weiß weiter? Der Moment, in dem ich beschließe eine sehr intime Frage zu stellen, ist immer ein bisschen wie der vor der schulischen Zahnarztuntersuchung: denkbar unangenehm für alle Beteiligten. Ich rufe also meinen Frauenarzt an. Der wie immer genau an dem Tag nicht zu erreichen ist, an dem ich diese sehr intime dringende Frage habe.

Ich überlege dann die Notfallnummer anzurufen. Der Gedanke, wie einst schon die private Stimme jenes Arztes zu hören, der mir sonst aus professioneller Distanz in seiner Praxis gegenüber sitzt, graut mir. Ich brauche aber diese Antwort. Ich will sie weder vom Google-Doc beantwortet bekommen noch von Freundinnen, die allesamt ebenso unsicher sind wie ich. Mein Freund weiß nicht weiter. Können wir aber noch drei weitere Tage warten, bis sich eine Praxis findet? Nö.

Service-Hotline: Hallo, was kann ich für Sie tun?
Auch im Alter von 20 Jahren passiert es mir, dass ich nicht wirklich weiß, welche Handlung mir garantiert, Baby-frei zu bleiben. Wenn jetzt zum Beispiel die Dienstags-Tablette weg ist, obwohl es Dienstag, 21 Uhr ist und ich die Pille einnehmen muss. Wenn sich noch dazu in meinem Nachtschrank keine Ersatzdragées befinden. Diese Panik, die dann in einem hochkeimt, ist zu vergleichen mit einem stetig tropfenden Wasserhahn: wird jede Minute schlimmer.

Im letzen Falle eines Zweifelmoments habe ich die Servicehotline der Firma Jenapharm angerufen, die meine Pille herstellt. An der anderen Hälfte des Apparates hat mich eine männliche Stimme Mitte zwanzig begrüßt mit der Frage, was man für mich tun könne. Natürlich musste es ein Mann Mitte zwanzig sein, der besser über meinen Körper, seine Hormone und dem Vorgehen bei raren Verhütungshilfen Bescheid wusste. Fünf unangenehme Minuten des Herumdrucksens und eine kompetente Antwort später habe ich die Mittwochspille eingenommen und behalte den Rhythmus so bei.

Verantwortung tragen darf keine Bürde sein
Das Schlimme ist, dass ich trotz ungehemmtem Wesen und zweifachem Aufklärungsunterricht in der Grund- und Oberschule keine Ahnung hatte, was zu tun ist.

Ich erzähle die Geschichte nicht aus Exhibitionismus. Sondern weil es sie zu Haufe gibt. Es ist schierer Wahnsinn, dass unsere Verantwortung gar nicht durch Wissen gestützt ist: Ein bisschen wie ein Führerschein so etwas, verlernt man nicht, wenn man es einmal drauf hat. Wird mein Sex-Wissen allerdings in puncto Verhütung auf den Prüfstand gestellt, kann die Handbremse schon mal Abtreibung bedeuten.

Die lästigen Nebenwirkungen der schönsten Nebensache der Welt kennen wir nämlich am besten. Frauen flüstern darüber Flüche in Mädelsrunden oder mutig bei Freunden, die ein Ohr dafür haben. Manchmal sind die negativen Nebenwirkungen einer bestimmten Pille so verheerend, dass dringend zum Wechsel geraten wird. Bauchkrämpfe und Zysten zum Beispiel, oder monatelanger, nicht abbrechender Besuch der „roten Armee“. Ein Wechsel der Pille geht mit vier Wochen rebellierendem Körper einher, der noch dazu fruchtbar ist.

Vor all dem wurden wir nur auf Nachfrage gewarnt. Wir setzen uns stillschweigend mit dieser Verantwortung auseinander, neben den typischen Problemen, die ein Mensch so hat. Insofern bin ich pro rezeptfreie Pille danach und habe einen Jubelschrei ausgestoßen. Ich glaube im Übrigen nicht, dass sich „Experten“, wie zu oft in den Medien zitiert, befürchten müssen, dass Frauen dieses Privileg unbedacht und verschwenderisch einsetzen.

Was hilft
Ich kann jetzt raten, dass sich Paare ein cooles Aufklärungsbuch zuzulegen. Eines für Erwachsene, wie „Make Love“ zum Beispiel. Im Wartesaal beim vierteljährlichen Frauenarztbesuch auch mal ein, zwei Broschüren zu lesen. Die Packungsbeilage zu studieren. Sich die Pille-Reminder-App herunterzuladen. Und wenn es zieht, zwickt oder dauerhaft zu Auffälligkeiten kommt, hartnäckig einen Termin zu vereinbaren. Mit dem Arzt, der Ärztin des Vertrauens. Und sich vorher überlegen, welche Fragen aufkommen können. Wirklich nach einer Notfallnummer fragen.

Selbst nicht das Thema Sex und Schutz tabuisieren.

Oder Service-Hotline anrufen: ist immer eine Anekdote wert.

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