Lass mal über Schweine reden

Kürzlich wurde ich von Johannes mit einer expliziten Frage konfrontiert. Sie ist, bezogen auf den gesellschaftlichen „Ruf“, äußerst heikel. Es handelte sich um das Gerücht, ich sei unter die Veganer gegangen. Nicht mal strikt vegetarisch wie ich schlemme, habe ich bei der Antwort erstaunlich sorgfältig überlegen müssen.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna Thiele regelmässig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schön-Male-und Musikerei, Mitteilungs-Wahn und Poesie sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von Euch beurteilt und kommuniziert werden! 

Der „Oh, so cute!“-Faktor

agriculture-84702_1280

Auf dem Teller sieht dieses Ferkel meist nicht mehr so süß aus, eher saftig.

„Schweinchen Babe in der großen Stadt“: So lautet der Titel des Kinderfilmklassikers mit dem gleichnamigen Abenteuer-Schweinchen. Nutztiere, die nicht als Darsteller zu den tollsten Freunden des Menschen hochstilisiert werden, haben es in unseren Großstädten mitunter nicht ganz leicht bis quälend schwer. Die Umstände vergessen wir gerne. Bestes Beispiel: Lauter bewegende youtube-Videos, die Zuschauern ein verzücktes „Uiiiiiii“ entlocken. Wir sehen lieber uns also lieber einen Clip von wenigen Minuten Länge an, in dem winzig kleine Ferkel in zuckersüßem Rosa aufgeregt auf dem Wohnzimmerteppich durcheinanderwuseln, statt uns mit unserer Doppelmoral auseinander zu setzten. Wir teilen, liken und kommentieren die glorreiche erste Stunde kleiner Ferkel in millionenfach und quietschen dabei verzückt wie bei Familien-Filmen.

Nun bin ich mit einer Frage dran.

Irgendwo kommt die Wurst ja her…

Über Essen rede ich neuerdings mit einem moralischen Anspruch im Hinterkopf. Diese Einstellung, naja sie steigert nicht gerade den Beliebtheitsgrad. Aber  wem von uns taffen Fleischfressern wird nicht übel, sobald wir diese unschuldigen Wesen aus knuffig kurzen Videoclips in Verbindung mit der Massenware an Schweinekoteletts im Supermarkt bringen, oder der täglichen Scheibe Wurst auf unserem Brot?

Manchmal denke ich länger als ein paar Millisekunden über die durchsichtigen Flecken in meiner hauchdünnen Wurst nach, in deren Verpackung ich eingeschweißt acht andere identische gepresste Scheiben finde. Der Geruch von Leberwurst, der mir in die Nase steigt und in Kombination mit der grauen Streichmasse wirkt nicht mehr so appetitlich. In meinen Gedanken ploppen dann diverse Bilder wild durcheinander: Schweinebabys, Massenzuchtsgräultaten, McDonalds-Burger, Bio-Skandale, Tierschutzflyer, Tofu, Bullerbü, Schweinchen Bebe Teil eins, zwei und drei.

„Alles in Maßen“. Bei der Massenproduktion scheint das noch fern.

Steak & Co. essen: Eine Frage des Stils 

Ich bin auf Dates im Restaurant nicht zimperlich, Salat hebe ich mir für die sportlichen oder speckigen Tage auf, an denen mein Körper nach gesundem Futter schreit. Das Steak auf meinem Teller sieht in Kontrast mit meiner Weiblichkeit nun mal verdammt verwegen aus und schielt derart saftig zu mir hoch, das gänzlicher Verzicht auf ewig im Moment nicht möglich scheint. Ich ertappe mich dabei, wie das kleine Kind mit den großen Idealen in mir meckert:

Was ist aus deinem geliebten Filmstar Schweinchen Babe geworden? Du wolltest früher auf einem Bauernhof leben! Eine Tierauffangstation leiten!

Wo die Schweine ein Gesicht kriegen

Ob es möglich ist, guten Gewissens Fleisch zu essen? Bei der Suche nach Antworten bin ich an einem unerwarteten Ort fündig geworden: „Der Wurstladen“. In Berlin-Rudow, sonst nicht gerade ein Sinnbild für Fortschrittlichkeit. Der Laden verweist auf die dortigen Produkte: Eintopf, Zwiebelmett, Fleischallerlei. Nur die Gesichte ist etwas Besonderes: Der Laden wurde von drei Hausfrauen aus dem Boden gestampft. Sie waren sicher, dass ihre heimischen Kochkünste und die Fähigkeiten den Laden zu schmeißen erfolgversprechende Eigenschaften für ein Geschäft gegen Langeweile sind. Im Wurstladen sehe ich zum ersten Mal auch das Realität gewordene Engagement für „Meat on a mission“. Ja, richtig gelesen. „Fleisch mit Mission.“ Initiator ist der Verband „Meine kleine Farm“.

Meine kleine Farm oder: Wo Nutztiere ein Gesicht bekommen

greeting-card-162799_1280

Die Bauern, Metzger und Schweine die hinter einer Wurst stecken, bekommen durch „Meine kleine Farm“ Gesichter, Namen, transparente Transportwege. Eine Produktion, wie sie bisher nur utopisch war. Aber Dennis Buchmann, Gründer des Projekts, studierte abroad ein Fach, dass sich den Lösungen zu gesellschaftlichen Problemen widmet. Die Lösung ist simpel. Um euch das zu veranschaulichen: Sagen wir, ich habe wieder diesen Jieper auf Leberwurst. Statt beim preiswerten Discounter um die Ecke besorge ich sie mir im „Wurstladen“ oder bestelle sie bei „Meine kleine Farm“ online. Das kostet mich mehr, klar, dafür erhalte ich ein hübsch aufgemachtes Döschen und sehe darauf mein Schwein. Also das zu Leberwurst verarbeitete Schwein, bevor es verarbeitet wurde, versteht sich. Mich strahlt dann die vom Schnüffeln dreckige Nase von so einem Schwein an, und das mag beim ersten Gedanken makaber sein. Aber das Tier, dass für meinen Appetit gestorben ist, bekommt so eine Identität. Der Respekt ist da, die Verfügbarkeit von Koteletts im Supermarkt relativiert sich und ich bin abgeschreckt davon, ohne Grenzen Fleisch zu fressen. Damit schone ich wieder meinen Geldbeutel. Fleisch wird das, was es eigentlich schon immer war: Luxus.

Klug konsumieren ist edel

Es geht nicht darum, kein Fleisch zu essen. Sondern um den Anstand dabei.  Wahrscheinlich bin ich das erste Mal stolz bei dem Kauf einer Leberwurst. Diesmal bin ich mir sicher, wo mein Essen auf dem Teller herkommt. Das Kind in mir jubelt, und ich kann mit beruhigtem Gewissen wieder Ferkel-Videos teilen. Vielleicht möchten es mir Freunde gleichtun.

Schreib einen Kommentar