Lästern ist ein ekelhaftes Laster

Inmitten einer geselligen Runde fühle ich mich oft ausgeschlossen. Lange habe ich nach dem Grund gesucht, still und verzweifelt in meinem Kämmerchen darüber nachgedacht, ob es nur mir so ergeht oder insgeheim jedem.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Poesie sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden! 

Isoliere ich mich unabsichtlich selbst? Mit der Antwort kam die Einsicht, dass ich die Gründe einfach nicht sehen wollte. Die sind nämlich eine sehr persönliche und schwer verdauliche Bilanz: die Gesellschaft, von der ich ein Teil bin, ist noch immer so primitiv, das es schmerzt.

Klatsch und Tratsch ist unser täglich Brot

Fortschritt wäre, würde menschlich das neue cool sein. Läge eine weit verbreitete private Umsicht im Trend. Diese Charakterzüge hätten noch dazu den positiven Ruf, den sie verdient haben. Sanftmütigkeit wäre nicht zwingend abhängig von karitativen Geboten religiöser Werke. Doch von Nächstenliebe bekomme ich in unser aller Alltag nicht die kolossal selbstlose Förderung mit.

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John Lennon hat mal den friedfertigen Song „Imagine“ geschrieben. Noch bleibt sein Wunsch aber fern der Realität.

Ähnlich verhält es sich in der Uni und überall dort, wo ganz unterschiedliche Menschen aufeinander treffen. Fremde, die sich nicht so gut kennen, aber gerne in Kontakt kommen wollen. Der heikle Punkt kommt exakt dann, wenn Smalltalk oder Themen, die das Tagesgeschehen hergibt, aufgebraucht sind. Im Innern wird Es plötzlich unnruhig, der Blick schweift, Es will die nahende Stille füllen. Befriedigt findet man seinen Aufhänger in dem dicken Mann da hinten an der Bushaltestelle. Lenkt den Fokus auf die komischen Nerds links im Pausenraum. Regt sich über das Mädchen mit den Pickeln auf oder über das nur dürftig bedeckte Dekolleté einer Freundin.

Lieber mit dem Strom schwimmen als zu viel Wasser schlucken

Irgendwer hat Lästern als genau die Art von Unterhaltung gebrandmarkt, die uns hilft, einen Platz im sozialen Gefüge zu finden. Seitdem lästern wir alle und fühlen uns nicht bösartig dabei. Macht ja jeder, ist normal, ist wichtig, jeder vergleicht sich, jeder verurteilt. Ich halte diese Thesen ja für Nonsens. Das ist eine lächerliche Rechtfertigung über Mitmenschen herzuziehen, um von den eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Auf Partys geht mir deshalb schnell der Gesprächsstoff aus. Für mich sind die Momente goldwert, in denen Gespräche einen aufbauenden gemeinsamen Kern erreichen. Wenn der Fokus auf Träumen liegt, die man vielleicht teilt, auf aufregenden Plänen, die man gemeinsam schmieden kann. Ich bevorzuge zusammen mit anderen für schöne Dinge oder Menschen zu schwärmen. Ich fühle mich geschmeichelt, wenn mir jemand ein Geheimnis anvertraut, weil er weiß, dass es bei mir bleibt. Kurz gesagt: ich verlasse einen Raum gerne mit gutem Gewissen.

Da war es nur noch Eine

Ich hatte meine Gedanken nicht immer so geordnet. Früher war es für mich vertretbar, eine spitze Zunge zu haben, solange ich meine Meinung betreffenden Personen auch ins Gesicht schnalzen konnte. Nach acht bis zehn Stunden Schule, dem Minenfeld sozialer Hierarchien überhaupt, habe ich die Handtasche in die Ecke gedonnert und schleunigst zum Telefon gegriffen. Meine Freundin und ich, wir haben dann ungelogen sechs Stunden am Stück das heutige Wer mit Wem, Wo und Wie kommentiert. W-Fragen mal anders. Köstliche Kommentare, in Wirklichkeit leider viel Wirbel um nichts. Pointiert verpackt waren diese Ausbrüche andererseits auf unheimliche Art verbündend. Woran auch immer es lag: Der Tag X kam, an dem mich der schale Beigeschmack meiner eigenen unedlen Worte anwidert hat. Folglich erlege ich mir seitdem ein Läster-Verbot auf. Die Ironie der Geschichte ist: mit meiner gefürchteten Pöbelart war ich beliebter. Klatsch ist so allgemein, dass jeder Teil haben kann. Keiner hat mir Kontra gegeben. Leute geben ungern kontra. Pro ist aber auch nicht so in. Für mich ist Lästern out, und damit kicke ich mich selbst aus den meisten Dialogen raus.

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Lästern vereint nur jene, die nicht Zielscheibe sind. Die Betroffenen dürfen ihre Wunden lecken.

Jedes Mal wenn ich auf diese schreckliche Akzeptanz von Arschlöcherei hinweise, komme ich mir vor wie die Frau mit erhobenem Zeigefinger. Die möchte niemand sein. Fühle mich wie der verpixelte Teil eines Bildes, der unbeliebte Störfaktor, der nicht beachtet werden möchte, aber so leicht nicht zu ignorieren ist. Wie eine unwillkommene, unsympathische Mischung aus Moralapostel und Drama-Queen. Wer nachhaltig lebt, ist ökö; wer jammert, eine Memme; wer Kritik an schlechten Gewohnheiten übt, oberlehrerhaft; wer Minderheiten in Schutz nimmt, aufopfernd. Langsam aber zuckt mein Mittel- mehr als mein Zeigefinger.

Manchmal möchte ich euch Seife in den Mund stopfen…

…ist mein privater Titel für diesen Artikel. Zu dieser Phrase inspiriert hat mich die fiktive Figur Georgia aus dem grandiosen Film Georgias Gesetz. Die gute Lady in mittleren Jahren zwingt ihre törichte Enkelin bei Flüchen oder dem Missbrauch von Gottes Namen ein Stück Seife in den Mund zu nehmen, denn durch ihre unbedachte Redensart macht sie sich den Mund schmutzig. Zu gerne würde ich diese, zugegebener Maßen leicht drastische Methode der Bestrafung, auf Lästern aller Art erweitern.

Wir befinden uns nun mal nicht in Gossip Girl. Bevor die verbitterte Zynikerin in mir die Oberhand gewinnt und den Glauben an Ideale vertreibt, möchte ich unbequem bleiben. Auch wenn das Disput bedeutet mit Menschen die ich liebe, deren Missfallen mir wehtut. Sogar wenn mich dieses soziale Denken asozialisiert. Vielleicht, und das ist letztlich meine einzige Hoffnung, treffe ich hiermit sogar den richtigen Nerv, weil diese boshaften Pfeile uns alle schon mal getroffen haben. 

Warum die Welt einen neuen Mandela bräuchte

Nehmen wir Mandela als Vorbild: 27 (!) Jahre lang wurde der spätere Präsident aufgrund seiner Hautfarbe und seinen Forderungen nach Gerechtigkeit im Gefängnis schikaniert. Nach seiner Begnadigung hat er seinen Peinigern öffentlich verziehen. Weil auch sie trotz ihrer Fehler Menschen sind. So viel Gleichmut gegenüber Bösem mag unverständlich sein. Mit seiner Theorie von dem grundlegenden Gutem jedes Wesens und seiner Auffassung, dass wir alle mit einer natürlichen Fürsorge und Empathie für andere geboren werden, war er aber eines der wichtigsten Sinnbilder der Menschlichkeit in unserer Moderne.

Wie man seine Sprache auf Nutzen prüft

Lasst uns daran erinnern, was uns von allen uns bekannten Lebewesen in diesem Universum unterscheidet: die Fähigkeit, zu denken und zu fühlen auf einer Ebene, die verbinden kann ebenso wie entzweien. Lasst uns für ersteres entscheiden. Sollte wieder einmal die Gefahr bestehen, wie Rotkäppchen vom richtigen Wege abdriften, dann lasst uns progressive Gesprächs-Gebote verinnerlichen. Indem wir kurz innehalten und abklären: ist das, was ich sagen möchte …

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Man erntet, was man sät. Demnach sollte es uns gelegen sein, Freundlichkeit in die Welt zu tragen.

wahr ?

hilfreich ?

ermutigend ?

notwendig ?

menschlich?

Wer es knackiger mag fragt sich: Würde ich meine Worte als Tattoo auf meiner Haut verewigt sehen wollen? Wörter wie Schlampe, Nigga, Assi, Fotze, behindert, geisteskrank? Eher nicht. Schluckt sie lieber runter oder schreibt sie auf und schmeißt sie in den Müll. Denn genau dort gehören sie hin.

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