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Ich hab die Haare hässlich

Achtung: dieser Artikel birgt oberflächlichen Inhalt.

Egal wie picobello Kleidung und Kosmetik auch sind, der Kopf muss mitmachen. Meine Mähne sah zwar noch gesund aus, doch ich bin ein Feind von Spliss; meine Devise: Vorbeugung besser ist als Nachsorge. Sparfüchsin, die ich bin, löste ich dafür ein einmaliges Angebot ein.

Ein bisschen rebellierte ich damit gegen meine Mutter. Sie sagt stets, dass ich nur zu C., der Friseurin unseres Vertrauen gehen sollte. Freitag siegte der gefährliche Cocktail aus Geiz, Bequemlichkeit und dem Bedürfnis, sich gegen den eigenen Menschenverstand zu stellen. Als demnach ein Gutschein für einen Haarschnitt in meinen Briefkasten flatterte – eine Kette eröffnete die dritte Filiale in meiner Nähe – sah ich den Schicksalswink für meine Haarspitzen und ging C. , der Friseurin meines Vertrauens, fremd.

Der erste Eindruck zählt
Vor dem mit geschmacklosen Luftballons geschmückten Eingang angekommen, begrüßte mich eine Auszubildende mit Sekt (nein, danke, Apfelschorle bitte), während ein junger Mann, offensichtlich der jugendkulturellen Modeerscheinung Emo angehörig, einem Typen die Haare schnitt. Mir war mulmig zu mute. Doch jetzt umzukehren kam für mich nicht in Frage, aus Höflichkeit und Trotz und Abenteuerlust.

Ich erklärte der dritten Person in diesem viel zu grell beleuchteten Raum, einem blonden Mädchen mit giftigen Augen, mein Anliegen: die Spitzen vor meinem Urlaub schneiden, damit das Salzwasser sie nicht zu Spliss verkommen lässt. Mehr wäre nicht nötig.

Umso verwunderter war ich, als Blondchen mir kopfschüttelnd und Kaugummi kauend mitteilte, wie mitgenommen meine Haare seien (die Beschreibung traf eher auf ihr Spiegelbild zu) und mir mit ihren Finger anzeigte, was sie „abnehmen“ wollte.

Ich war nie das Mädchen, das heult, wenn ihre dunklen Strähnen auf den Boden segeln
…von daher gab ich mein Okay. Meine Haare fielen mir über die Brust, und brustlang hätte ich toleriert. Ohne Nachfrage wurde ich zur Waschstraße geschickt.

Dieser Part ist eigentlich eine Form von Luxus gegenüber dem Trockenschnitt : der Kopf wird mit warmem, weichem Wasser berieselt, das Shampoo schön duftend in die Haarwurzeln massiert, wodurch sich oft der Alltag aus dem Hirn wäscht.

Die Azubine hingegen bearbeitete meinen Kopf wie eine Walzmaschine, während mir das Wasser rauschend in die Ohren lief. Ich nahm mich zusammen. Ich saß am kürzeren Hebel. Ich bat lediglich darum, meine Ohrmuscheln zu schützen. Sie gab ihr Bestes, während ich später verstohlen meine Ohren mit dem Handtuch trocknete.

Keine Barmherzigkeit für die Kundin
Nasse Haare bürsten ziept. Deshalb fragen Friseure nach. Nicht so hier. Blondchen bürstet nämlich Haare wie eine Fünfzehnjährige mit Wutattacke. Mein Kopf ruckte um sieben Zentimeter vor und zurück, während die Haarbürste, definitiv nicht Friseurbedarf, Stück für Stück in meinen Hinterkopf versenkt wurde. Wortwörtlich hat mein Kopf gewackelt, doch kein Anzeichen von Interesse. Es kostete mich Überwindung, diese Brutalität einzudämmen, aber ich bat Blondchen, meine Haare am besten zusammenzuhalten und damit um etwas Barmherzigkeit für meine Kopfhaut und füge gedanklich hinzu: weil ich diesen Laden sonst nicht nur hässlich, sondern mit Kopfschmerzen verlasse.

In stummer Verzweiflung sah ich zu, wie sie die Schere in meine Spitzen rammte, und suchte in ihren Augen Professionalität, Service oder Reue. Nada. Dann, als ich wie ein gegen den eigenen Willen geschorener und nasser Pudel da saß, kam die Sache mit dem Föhn.

Die Sache mit dem Föhn

„So. Du bist fertig.“ Ja, fertig mit den Nerven und der Geduld, denke ich. Draußen ist es kühl. „Ehm, die Haare werden jetzt aber schon noch geföhnt?“ „Naja, besser du föhnst selber, weil wenn ich dir jetzt die Haare föhne, macht das 20 Euro extra.“
Da habe ich dann wirklich laut losgelacht. Doch es war kein Witz, Föhnen kostet in dieser Filiale zwanzig Euro. Ich nahm den Föhn an der Wand, föhnte mir die übrigen braunen Pinselstriche, die mal lange Haare waren. An der Kasse zeigte Blondchen sich dann von ihrer schönste, falsch-freundlichen Seite. Nun ja, jetzt weiß ich, dass Mütter manchmal eben doch recht haben.

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Wie es ist, ein Tisch zu sein

Balbina und Maeckes sind bekannt für Songtextzeilen, die sich Teenies wie Erwachsene in Unterarme ritzen oder als gerahmte Poesie an die Wand nageln.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Mittelfingermentalität sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!
Sie haben einen Song zusammen gemacht, der „Tisch“ heißt und so geht:

Ich steh zwischen den Stühlen wie ein Tisch
Ich weiß nicht, was ich will! Ich weiß nicht, was ich will!

Damit spricht mir das Lied schlicht aus der Seele. Wo diese Seele in mir liegt, weiß ich nicht, kein Wissenschaftler weiß das. Früher habe ich gedacht, ich weiß was ich will. Nur halt nicht immer, wie es bekomme.

Heute bin ich mir auch da unsicher. Überhaupt denke ich, Unsicherheit prägt mein momentanes Sein. Ich freue mich darüber, klar, finde die Spontanität toll, die aus dem fehlenden festen Plan entsteht. Anderseits: rede ich mir das gerne ein. Um die Unsicherheit einzudämmen.

Schreiben oder Sein?
In der Tat schreibe ich gerne. Das klingt so eindeutig aus meinem Mund. Dabei hasse ich das Schreiben ebenso wie es liebe. Weil es wehtut. Körperlich, weil die Schreiberkrankheit Schulterschmerz kein Klischee ist und geistig, weil kein Text je den eigenen Ansprüchen genügt. Finanziell, weil mich von vier Magazinen nur eins bezahlt.

Wer schreibt und sein Handwerk gelernt hat, ist im Flow. Wer schreibt, und sein Handwerk noch nicht gelernt hat, ist im Kriegszustand. Ihr dürft raten, wo ich mich befinde: Irgendwo dazwischen, im Schwebezustand. Im Schwebezustand bleibt mir das menschengrößte Glück verwehrt: das Sein. Einfach nur sein.

Kolumne hin oder her
Letzte Woche wollte ich nicht mehr. Mein Ideenreichtum für die eigene ehrenamtliche wöchentliche Kolumne war erschöpft. Jedes Mal hingegen, wo ich mich hingesetzt habe, um der Redaktion von BerlinImPuls mein Scheitern zu offenbaren, hat mir mein Gehirn ein Thema rausgehauen, über das ich texten könnte.

Ich könnte die Themen hier platzieren. Oder eben nicht. Ich kann ja auf eine handvoll Magazine zurückgreifen und woher soll ich wissen, wem ich diesen Text dann zuspiele, mein Baby, für das Zeit und Kopf und Geld und Muse draufgeht?

Am Anfang schon das Ende in Sicht haben
Ich weiß gerade nicht, wie ich diese Kolumne beenden soll. Ich sehe eine Notwendigkeit in meinem Beitrag, weiß trotzdem nicht, ob er sinnstiftend ist für meine LeserInnen. Überhaupt fällt es mir schwer, endgültige Entscheidungen zu treffen.

Maeckes hat da einen schönen Verse draus gemacht:

Entscheidungen machen mir so Probleme
Ich hab dafür eine Motorsäge
Streif durch die Wälder einer einsamen Welt
Lass sie an – jetzt werden Entscheidungen gefällt!

Kolumne, ich werde dich in guter Erinnerung behalten
Ich treffe heute die Entscheidung, weitere Kolumnen zu vertagen. Ich habe gelernt, wie umfangreich es ist, sich eine Meinung zu bilden. Mir hängt das Wort ich in meinen Texten zum Hals raus. Genau das war insgeheim das Ziel dieser Kolumne. Jetzt bin ich bereit, Leuten zuzuhören. Mich interessieren ihre Sicht der Dinge ebenso sehr wie meine. Ich kann die Selbstbehauptung zu Hause lassen.

BerlinImPuls bleibe ich erhalten
Als Moderatorin, die gerne redet. Als Reporterin, die gerne berichtet. Als Neugierige, die richtige Fragen stellt. Und nach etlichen Experimenten und dem erprobten Ausschlussverfahren weiß ich nun, dass die Kolumne nicht meine Sparte im Journalismus ist. Bleibt die Aufgabe, noch die Tendenz zum Interview, zur Reportage, zur Nachricht, zur Moderation auszusieben.

Ich hoffe, ihr habt mit diesen wöchentlichen Gedankenergüssen ebenso viel gewonnen wie ich. Ich hoffe, ihr bleibt mir auf meiner Selbstfindung treu.

Danke für eure Kommentare zur Kolumne, eure Komplimente Angesicht zu Angesicht, eure Mails und Themenvorschläge, eure Kritik und euer Lob und eure LOYALITÄT.

Wir sehen, hören, schreiben uns weiterhin.

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Ist das Kunst oder kriminell?

Wäre ich in der Kunstszene tätig, hätte ich von dem Künstler Richard Prince schon vor seinem jüngsten Skandalwerk gehört.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Mittelfingermentalität sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!
Prince hat sich nämlich Instagrambilder von privaten und semi-prominenten Personen aus dem Netz gefischt, sie nachträglich unter dem Usernamen richardprince1234 mit einem Kommentar versehen und auf Leinwand gezogen – ohne Erlaubnis der Abgebildeten.

Moralisch fragwürdig, sonst legal
Hätte ich mehr Kunstunterricht gehabt, wäre mir klar, dass Princes Werk tatsächlich Kunst ist. Diese zeitgenössische Kunstbewegung heißt Appropriation Art. Deren Verfechter nutzen einen schmalen Grad zwischen Fälschen und Kopieren, um aus imitierter Kunst neue Kunst zu schaffen. Prince macht also zum Beispiel Collagen, und verwendet dafür Ausschnitte aus den Werken fremder Fotografen. Weil er diese Ausschnitte aber um etwas Eigenes ergänzt und die Aussage in einen neuen Kontext stellt, ist das neue Werk trotz Abkupferung sein eigenes.

Obwohl Prince das Gericht definitiv von innen kennt und die Aktion einen medialen Moralschock hervorruft, ist Prince bisher im Recht. Das liegt nicht nur an dem Deckmantel der Kunst. Wer einmal in zehn Jahren wirklich die Datenschutz- und Nutzerrichtlinien der sozialen Medien liest, bevor er sie akzeptiert, weiß, weshalb er dabei ein mulmiges Gefühl hat.

Wem gehören unsere Bilder?
Prince drückt dieser Kunstgattung lange schon seinen eigenen Stempel auf, doch gerade jetzt ist sein Werk brisant. Kunst hat ja nicht selten eine Botschaft. Wo ich bei bunten Klecksen auf weißem Hintergrund noch nichts checke, ist die Kunst seiner kopierten Selfies ein bisschen simpler zu verstehen: sind unsere Bilder einmal im Netz, gehören sie nicht mehr zwangsläufig uns.

Selfies für 90.000 Dollar
Provokante Kunst also, die nebenbei die Schaulust von uns Menschen bedient. Käufer sollen für ein solches Bild 90.000 Dollar aus ihrem Geldbeutel ziehen (nicht in Scheinen, nehme ich an) und sich das Bild dann zu eigen machen. Ein Bild, das durchaus ein Bild von mir sein könnte, hätte ich einen Instagram-Account. In diesem Falle zeigt Prince plakativ, was für Folgen es hat, eigene Selfies unbedacht frei zur Verfügung zu stellen. Appropriation Art ist eben entweder eine Huldigung oder Kritik.

Ist das Kunst oder ist das kriminell?
Ich gestehe, ich neige dazu mein Profilbild monatlich bei Facebook zu ändern. Selbstdarstellung nennt man das wohl. Ich bin aufgewachsen damit, Spiegelbilder von oben rechts zu sehen und damit einen intimen Querschnitt aus fremden Badezimmern, Urlauben, Fotoshoots zu bekommen, von meinen Freunden, meiner Familie, aber auch von Fremden. Oft genug mahnt mich mein Selbsterhaltungstrieb davor wo meine Fotos landen könnten. Somit finde ich die Aktion genial darin, plastisch zu zeigen wie real www. sein kann.

Und hoffe, nie semi-prominent zu werden.

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Freundliche Kettenreaktion

In viralen Videos geht es nicht nur um Sex, Babys, Welpen. Im Trend liegen auch Kurzfilme. Der Inhalt: das Prinzip vom Geben als solches, mit Protagonisten, die Gutes tun. Kleine Gesten werden porträtiert und ihre großen Wirkungen.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Mittelfingermentalität sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!
Liegt es am Frühling?
Mein Leben ist wie ein solcher Film. Mit aller Ehrlichkeit kann ich sagen, dass jeder freundliche Fremde meinen Tag nachhaltig beeinflussen kann durch seine Güte. Mein Alltag zeigt die Kettenreaktion der Freundlichkeit.

Die Umsonst-Kiste
Mich hat an einem üblen Tag eine wirklich schöne Geste von einem Unbekannten gerettet. Diese Person hat einen Karton auf den Fenstersims der Hauptstraße gestellt, über die ich missmutig gestakst bin. Der Karton war gefüllt mit Schmökern zum Verschenken. Bücher, von denen ich drei mitgenommen habe. Daraufhin habe ich drei Bücher meinerseits aussortiert. Aktion da, Reaktion hier.

Zwei Wochen später standen auf meinem Heimweg dann weitere Kisten, von einer gütigen Bewohnerin Berlins. Gefüllt mit Haushaltsgeräten, mit Spielzeug und Ratgebern. Die Geschenke haben nicht nur dankbare Abnehmer gefunden, sie ließen auch zaghafte Gespräche unter Leuten enstehen, die sich im Vorbeigehen sonst nicht in die Augen sehen.

Über diese Umsonst-Kiste übergebeugt begegnen wir uns also auf Augenhöhe. Die Bewohnerin hat über ihre Tat gelächelt und die Kiste weiter bestückt. Sie hat ihren Besitz zwar aufgegeben, dafür ihresgleichen einen unverhofften Glücksmoment beschert.

One womans trash is another womans treasure
Angetan von der Idee, bin ich dem Beispiel der Bewohnerin gefolgt. Weil mich mein überfülltes Zimmer schon lange anstinkt, habe ich die Ecke rund um mein Bett und Stoffschrank radikal entrümpelt. Die Schreibtischlampe, die Pailletten-Pumps, die Romane sind in gutem Zustand, nur halt Besitztümer einer Variante von mir, die es so nicht mehr gibt.

Ich habe die alte Umzugskiste und die Plastikbox mit fehlendem Deckel zu einer „Verschenk- und Umsonstkiste“ umfunktioniert. Und meinen Haufen auf die Straße gestellt. Einen Tag später hat eine Person augenscheinlich beide Kisten für sich beansprucht, was so nicht gedacht war. Doch egal wer meine Sachen jetzt vertrödelt: sie sind da besser aufgehoben. Als Staubfänger in meinem Zimmer hatten die Dinge keinen Wert mehr – für mich.

Einzig die Chelsea-Boots stehen jetzt im Gras an dem Platz, wo meine Geste mal zu sehen war. Sollen sie doch als Blumentopf dienen.

Freundlicher Kassierer
Seit diversen Jobs im Dienstleistungsbereich achte ich auf die Freundlichkeit von Kassierern, Ladenverkäufern und Beamten in Behörden. Mir begegnet dort meist die personifizierte Form der Unfreundlichkeit . An diesem Tag aber war ein junger Mann an der Kasse des Supermarkts, der augenscheinlich überfordert mit seiner Situation war und neu in seiner Position.

Die Dame vor mir, der Suffi hinter mir und ich ebenso bekamen trotzdem ein freundliches Hallo, eine kleinen Spruch mit auf den Weg, ein ehrliches Lächeln. Nicht oft ist es so, dass die Schlange gerne wartet, aber diesem Charme wollte sich keiner der Wartenden entziehen.

Beim Schleppen meiner Einkaufstüten war ich dann gut gelaunt. Ich habe Passanten zugelächelt. Mir war die rote Ampel egal. Trödelnden Passanten, die meinen Weg versperren, bin ich mit erstaunlicher Geduld begegnet. Ich war den Leuten gut gesinnt, weil mich zuvor der Kassierer mit seiner Leichtigkeit angesteckt hat.

„Gesundheit“ ist vielleicht nicht mehr knigge, nett schon
Meine Allergie in diesem Jahr: ausgeprägt. Vier Tage lange Ruhe, dann Nieskrampf im Kiosk. Ein „Gesundheit“ kommt aus der Ecke nehmen mir, ich höre das Lächeln der Stimme schon an.

Natürlich bedanke ich mich, weil das eine Aufmerksamkeit ist, die ich gerne höre, auch wenn Knigge sagt, dass es an mir wäre, mich für meinen Nieser zu entschuldigen.

Wie es bei Allergien so ist, bleibt es nicht bei dem einen Hatschiii und wie es mit freundlichen Menschen so ist nicht bei dem einen Gesundheit. So kommt es tatsächlich zu einem minutiösen Running Gag mit einer Fremden, die weder Alter noch Magazingeschmack mit mir teilt.

Spread the love!
Das Schöne ist: diese Utopie von Menschen, die sich umeinander kümmern und sorgfältig ihre Handlungen wählen, die gibt es nicht nur bei youtube oder vimeo. Wir können uns diese Protagonisten zum Vorbild nehmen und selbst welche sein. Klingt kitschig, gibt Beteiligten dafür ein Wohlgefühl und verbessert das Klima am Arbeitsplatz, in Schulen, auf der Straße.

Auf eine freundliche Aktion folgt so oft eine ebenso gute Geste. Eine Art Kettenreaktion der Freundlichkeiten. Gehörst du zu den Ersten, die den Anstoß geben?
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Lieber Arsch als Kiefer

„Das wirst du auch nicht mehr erleben.“

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Mittelfingermentalität sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!
Ich hoffe, das war ein Versprecher meiner Physiotherapeutin. Der Satz war ihre Antwort auf die folgende Small-Talk-Aussage „Ich weiß nicht mal mehr, wie sich ein gesunder Rücken anfühlt.“ meinerseits.

Ich habe es wieder soweit kommen lassen
Ein bisschen ärgere ich mich schon. Darüber, dass ich zu viel sitze. Darüber, dass ich es schaffe, selbst fünf Minuten sanftes Dehnen am Tag zu umgehen. Darüber, dass ich manchmal nachts nicht einschlafe, weil meine Lendenwirbel knirschen und oft genug Migräne habe, weil meine Schultern und mein Nacken verkrampft sind.

Mein Körper zwickt.
Ich starte hungrig in den Tag, weil mein Kiefer knackt, wenn ich Müsli esse. Ich starre auf die verstaubten High Heels in meinem Schrank und blicke resigniert auf meine ausgebeulten Fußknöchel. Meine Knie knacken, sobald sie annähernd 90 Grad gebeugt sind.

Ich schäme mich dafür, wie lange mein letztes typgerechtes Training her ist. Ich mag keine Studios. Ich springe gerne Springseil, aber was nützt das schon? Ich bin fassungslos darüber, wie lange ich Besuche beim Orthopäden aufschiebe. Meine Orthopäde ist es auch. Meine Physiopraxis auch.

Eine Chronik des Schmerzes
Ich habe angefangen, mich zusammen zu reißen. In meiner ersten verschriebenen Physiotherapie 2014 erhalte ich Massagen für meine Muskeln und lerne Kräftigungsübungen. Sechs Termine lang. Dann heißt es alleine weitermachen oder noch einmal zum Arzt. Ein Rezept holen für sechs neue Termine beim Therapeuten.

Dieser Therapeut möchte gerne herausfinden, wo die Ursache für meine Schmerzen liegen und nicht nur die Symptome behandeln. Ich möchte gerne, dass er das wahre Problem erkennt, habe aber keine Zeit und kein Geld. Ich nehme die Übungen mit nach Hause, wo ich sie vier Wochen später leider nicht zur Gewohnheit gemacht habe.

Kiefer und Zeh und der Körper als Ganzes
Damals hat mein Physiotherapeut gesagt: „Da, wo es jetzt schmerzt, das ist nicht der Anfang.“ Es schmerzt damals wie heute, nach mehr als einem Jahr bei Besuch zwei in der Praxis, nicht mehr nur in den Lendenwirbeln. Heute zwickt es auch in meinen Schultern, in meinem Nacken. „Es wandert.“. hat mein Physiotherapeut mich damals aufgeklärt. Jetzt stehe ich mit Blockierungen im Brustkorb bis in die Kopfgelenke und mehreren Funktionsstörungen vor demselben Physiotherapeuten und er sagt einen ähnlichen Satz wie 2014: „Wir haben nicht viel Zeit. Aber dass dein Brustkorb wehtut, kann mit deinem Kiefer zusammenhängen, könnte sogar mit deiner Lunge zu tun haben. Deine Rückenschmerzen könnten von deinem Zeh ausgehen.“

Der Körper in Gänze ist ein Wunder. Mein Körper ist ein tüchtiger Betrieb, und ich habe die richtige Wartung dieses genialen Betriebssystems verlernt. Und lerne jetzt, wie die Pflege geht.

Unsere Körper werden nicht jünger
Ich weiß, ihr lacht jetzt oder bedauert mich oder nickt stumm. Vielleicht kennt ihr keine Altersgebrechen mit zwanzig jungen Jahren. Vielleicht gehört ihr aber zu dieser Gruppe Menschen, die sich an diese Symptome nach und nach gewöhnt haben.

Falls nicht: You’re the lucky ones. Trotzdem, wir werden mit der Zeit durch unsere Erfahrung mental stärker, unsere Knochen und Körper aber verlieren an Substanz.

Was ihr tun könnt, damit wir uns nicht in der Physio begegnen

  1. Schließt eine Krankenversicherung ab, falls ihr keine habt. Gesetzlich versichert reicht für den Anfang.
  2. Geht einmal im Halbjahr zum Orthopäden. Lasst euch durchchecken. Fordert ihn auf, nach Fehlhaltungen zu schauen, lasst eure Sensomotorik und Gelenkigkeit, und vor allem eure Beweglichkeit prüfen.
  3. Steht nach 90 Minuten Sitzen auf, konsequent. Sitzen ist zumindest in einem Punkt bewiesen dem Rauchen ähnlich: beides auf Dauer schädlich.
  4. DEHNEN! Okay, es tut weh, es ist ätzend, es langweilt. Im Gegensatz zu Fitnessübungen lassen sich Dehnungen immerhin in den Büroalltag integrieren. Beim Kaffee kochen oder unterm Schreibtisch. Wirklich, es wirkt wie Magie.
  5. Die Sonne ist da. Raus mit euch, ab nach draußen. Bewegt euch.Fahrt Fahrrad. Springt Springseil. Spielt Fußball. Tanz mit Hula-Hoop-Reifen. Macht Wettrennen. Geht spazieren. Lauft zügig zu Bahn. Nehmt die Treppen.
  6. Schlaft. Meditiert. Macht Pausen. Mind-wandering. Macht euch lang. Auf Anspannung folgt Entspannung. Viele körperliche Probleme gehen auf Stress zurück. Selbst physische Symptome haben oft gedankliche Ursachen.
  7. Ich weiß, ich weiß. Ich bekenne mich schuldig:Handtaschen sind bunt, geräumig, praktisch, überlebenswichtig. Und sie versauen einseitig getragen den Rücken. Habe noch keine Alternative gefunden, außer den Rollkoffer. Kann nur empfehlen, so wenig wie möglich mitnehmen. Die Schultern wechseln.
  8.  Tut dem gesamten Körper besser als die konzentrierte Verkrampfung: Lieber Arsch zusammenkneifen als Kiefer.
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Nein.

Gestern am späten Abend befand ich mich erneut unfreiwillig in jener prekären Lage, in der ich mich allen Aufschreien, Artikeln und Mahnungen zum Trotz hilflos fühle.

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Es ist mein letzter freier Donnerstag gewesen in diesem Monat und noch dazu ein Tag, auf den ein Feiertag folgt. Ich trete um 21. 30 aus der Haustür in Boots, Pulli und Lederjacke über der Jeans. Ich trage einen Schal über der Baumwolle und ein Augen-Makeup, das den Fokus auf ebendiese Partie lenkt. Draußen ist es dunkel und warm.

Ich gehe diese lange Straße Berlins lang zur S-Bahn und wie immer habe ich auf diesen Weg keine Lust. Nicht der Faulheit wegen, aber weil ich weiß, dass ich diesen Abend ganz bewusst nicht wie eine graue Maus aussehe. Und wessen Jagdtrieb das weckt.

Eine Stunde zuvor war das noch spaßiger Teil meiner Vorbereitungszeremonie für ein Treffen in der stilvollen Bar im Prenzlberg, kann aber schnell zur Farce werden. Vielleicht hätte ich mich nicht mental schon wappnen sollen. Vielleicht war es die berühmte „self fulfilling prophecy“.

Jedenfalls, nicht mehr als 500 Meter weiter, weniger als einen halben Kilometer entfernt von der Haustür scannt mein Auge die Straßen, Büsche und Autos und wird wachsam, als mich ein Mann merklich auf seinem Radar hat. Er läuft auf der anderen Straßenseite, in die andere Richtung und brüllt aber in meine. Ich behalte mein Schritttempo bei. Atme gleichmäßig ein und aus, ziehe aber den Griff fester um meine Tasche. Sage mir: „Der meint dich nicht. Der telefoniert. Hör auf, paranoid zu sein.“

Tatsächlich wechselt er dynamischen Schrittes die Seite, rennt den perfekt abgepassten Trampelweg über den Mittelstreifen zu mir und gesellt sich auf diesem menschenleeren, ellenlangen Gehweg zu mir. So etwas wie den 90 Zentimeter Abstand scheint er nicht zu kennen oder meine Privatsphäre bewusst ignorieren zu wollen.

„Hast du ne Kippe für mich?“ Innerlich fällt die Anspannung ab, auch wenn mich der niedrige Abstand unserer fremden Körper nervt und der angefixte Blick des bulligen Blonden. Diese Frage ist so typisch Berlin, und stellt keine Bedrohung dar. „Nee sorry,“ sage ich. „Ich rauche nicht. N Feuer habe ich auch nicht.“ Ich lächle bedauernd und laufe unbeirrt weiter, weil unser Gespräch damit für mich beendet scheint.

Wie naiv man doch sein kann. Egal wie viel Erfahrungen man sammelt, man will doch nicht verallgemeinern und mit Zuversicht als Frau nachts alleine durch die Gegend schlendern ohne den Schlüssel mit der zackigen Spitze nach oben in der Hand bereit zu halten.

Er nickt abgehackt in die Richtung meiner linken Hand. „Da glüht doch was.“ Ach ja, mein Ring mit den tausend bunten Fake-Kristallen. Hatte ich vergessen, strahlt halt, wenn das Licht ihn trifft, von der Laterne wie in diesem Moment. „Ist mein Ring.“ Sage ich knapp, und winke seine Aussage ab, sodass er den Ring sieht. „Krass.“ Sagt er und tritt noch näher an mich heran.

Er mustert mich widerlich offensiv von oben bis unten, sein Blick haftet etwas zu lange da, wo der Stoff des Pullis sich wölbt. „“Diese optischen Täuschungen, man man man.“ Ich gehe nicht darauf ein, wie viel Lüsternheit in seiner Tonlage mitschwingt und überlege, wann ich den Lustmolch loswerde.

Ich muss zur S-Bahn. Ich bin spät dran. Links ist die Straße, sonst niemand da. Rechts verlaufen die Häuserwände, zwischen denen eh noch der Typ als Hindernis ist. Es sind noch gut 350 Meter bis zum Bahnhof. Und bevor ich den erreiche, ist die Ampel im Weg. Ich muss noch zur Sparkasse. Rechts kommt gleich die Abzweigung. Ist zwar ein unnötiger Umweg und noch verlassener und düsterer als hier, aber bleibt mir als Ausweg.

Er fragt mich noch was und reagiert pissig als ich nicht antworte und grußlos scharf nach rechts an ihm vorbei in die kleine Querstraße an den geschlossenen Ladengeschäften hinter dem Parkplatzes einer Supermarktkette abbiege. Er lässt von mir ab, während ich später in der Sparkasse die Attraktion des Abends zu sein scheine.

Ich bin es satt und dieser Artikel ändert nichts daran. Ich kann im Kartoffelsack und Kurzhaarfrisur unfrisiert und mit Blick nach unten durch diese Stadt laufen und selbst oder gerade dann noch immer Zielscheibe sein von schlechten Anmachversuchen und Bedrängungen bis ins Physische. Muss mich noch mit der Wut, der Wollust und dem Hurenbild einer gewissen Sorte Männer herumschlage und in der Tat auch immer bereit sein, zuzuschlagen.

Und nein, ich trage keine Yogapants oder ein Dekolleté wie die Madames auf Ölportraits des 19 Jahrhunderts. Selbst wenn dem so ist, wer sagt das ich ein Vieh bin das man einfangen, umzingeln und belästigen darf?

Heutzutage reicht eine Brille und eine offene Mähne um in das Sekretärinnenpornoklischee zu passen und Altersgrenzen gibt es bei diesen Idioten eh nicht; umso mehr ich aussehe wie Hermine aus Harry Potter, umso älter werden die Herren, die sich mit mir in den Laken wälzen wollen.

Dabei ist das kein Werben um die Gunst einer Frau mehr oder ein arrangierter Wortstrauß an Komplimenten. Es ist wie Hetzjagd: möglichst schnell das Reh erlegen und davor zum Spaß halb zum Herzstillstand ängstigen.

Dafür gibt es keine Rechtfertigung. Es ist Belästigung.

Bringt das euren Söhnen, Kumpels, Lovern, Vätern, Chefs und Kollegen bei. Bevor wir, und ja ich rede hier von meinen Freundinnen, von Schwestern, Müttern, Kolleginnen, Chefinnen, Liebhaberinnen, diese fehlende soziale Ader des Benehmens und des zivilen Respekt wieder ausbaden dürfen.

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Bücher to go

Die Buchläden in Berlin sind ein Traum: bunt, indie, groß, englisch, deutsch-türkisch, Fachliteratur, Katzenbuchhandlung, alles da. Als bekennende Bibliophile bin ich stets auf der Suche nach neuem Stoff.

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Aber Buchläden haben Öffnungszeiten.

Heißhunger auf Druckerschwärze 
Kommt meine Lust auf fremde Welten zwischen zwei Buchdeckeln also nachts, muss ich warten. Muss ausharren und im Halbdunkel meine Bücherregale nach Stoff durchforsten. Ich kann diesen Hunger schwer stoppen.

Unterwegs von Termin zu Termin hetzend, nehme ich mir oft, aber nicht immer Zeit, um die Buchläden zu stürmen und sie mit schweren Papiertüten voll Romanen und Sachbüchern zu verlassen. Nur dann stellt sich Befriedung ein.

Noch so ein bekannter Hunger
…ist der Jieper nach Süßem, Salzigem, Saftigem to go. In den großen Städten Deutschlands gibt es für diesen Heißhunger Automaten an den Bahnhöfen.

Ich stehe auf Kriegsfuß mit diesen Automaten, zu oft haben sie mein Geld genommen ohne mir meine Schoki zu geben. Tritte, Flüche, Sprungtritte gegen die Plastikscheibe zum Trotz. Das liegt an dem nicht ganz ausgefeiltem System. Aber es besteht doch die Chance, dass es klappt.

Manchmal vertraut man dieser geringen Wahrscheinlichkeit, weil der Magen knurrt und bellt. Streunert erst unentschlossen hin und her. Zählt das Kleingeld im Portemonnaie, mit hungrig zittrigen Fingern. Zweifelt wie immer an der Reihenfolge: erst Zahl oder erst Münze? Schiebt diese dann in den vorgesehenen Schlitz oder Schieber, wählt die Beute und holt dann bestenfalls seinen Riegel oder seine Tüte Chips mit verrenktem Handgelenk hervor.

Bücherautomaten: Buch to go
Ich hatte mein Buch vergessen. Die Wartezeit ist wochentags länger, selbst im gut vernetzten Berlin. An den Gleisen der U-Bahnlinie 8, Station Alexanderplatz, stand er dann plötzlich da. Ein Automat, gefüllt mit Spiegel-Bestsellern to-go. Preislage zwischen einem Fünfer und Zehner. Ich verfiel dann kurzzeitig in den Touristenmodus und machte ein Foto von dem Gerät. Als Beweis, für die Welt außerhalb der Unterwelt.

Dann begann ich zu streunern, abzuwägen. Zählte mein Geld und erinnerte mich an die richtige Reihenfolge. Schob den Fünfer in den dafür vorgezogenen Schlitz und zog mir ein Buch. Es blieb stecken.

Mit einem Kick zum Leseglück
Panisch habe ich umgesehen, nach Passanten mit Kickboxfigur. Stattdessen hat dann mein eigener beherzter Tritt doch das Buch befreit. Ich habe meine Hand gebogenen und gedreht. Und hielt es glücklich glucksend in meinen Fingern, die zitternd Seite um Seite blätterten.

Zwar gibt es kein Rückgaberecht. Dafür aber 24-Stunden-Service. Ab zum Alex!

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Let’s talk about Scham

Wird Jugendlichen das notwendige Wissen um Sex, Verhütung und Libidopannen schamfrei vermittelt? Zumindest derart schamfrei, dass es zu reibungslosen Anwendungen dieses Wissens käme? 

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Klappt bisher weniger. Diesen Eindruck bestätigt mir keine Statistik von Teenager-Geburten. Beweis für mich ist eher diese Unsicherheit. Die nicht aufhört, um so älter ich werde.

Wer weiß weiter? Der Moment, in dem ich beschließe eine sehr intime Frage zu stellen, ist immer ein bisschen wie der vor der schulischen Zahnarztuntersuchung: denkbar unangenehm für alle Beteiligten. Ich rufe also meinen Frauenarzt an. Der wie immer genau an dem Tag nicht zu erreichen ist, an dem ich diese sehr intime dringende Frage habe.

Ich überlege dann die Notfallnummer anzurufen. Der Gedanke, wie einst schon die private Stimme jenes Arztes zu hören, der mir sonst aus professioneller Distanz in seiner Praxis gegenüber sitzt, graut mir. Ich brauche aber diese Antwort. Ich will sie weder vom Google-Doc beantwortet bekommen noch von Freundinnen, die allesamt ebenso unsicher sind wie ich. Mein Freund weiß nicht weiter. Können wir aber noch drei weitere Tage warten, bis sich eine Praxis findet? Nö.

Service-Hotline: Hallo, was kann ich für Sie tun?
Auch im Alter von 20 Jahren passiert es mir, dass ich nicht wirklich weiß, welche Handlung mir garantiert, Baby-frei zu bleiben. Wenn jetzt zum Beispiel die Dienstags-Tablette weg ist, obwohl es Dienstag, 21 Uhr ist und ich die Pille einnehmen muss. Wenn sich noch dazu in meinem Nachtschrank keine Ersatzdragées befinden. Diese Panik, die dann in einem hochkeimt, ist zu vergleichen mit einem stetig tropfenden Wasserhahn: wird jede Minute schlimmer.

Im letzen Falle eines Zweifelmoments habe ich die Servicehotline der Firma Jenapharm angerufen, die meine Pille herstellt. An der anderen Hälfte des Apparates hat mich eine männliche Stimme Mitte zwanzig begrüßt mit der Frage, was man für mich tun könne. Natürlich musste es ein Mann Mitte zwanzig sein, der besser über meinen Körper, seine Hormone und dem Vorgehen bei raren Verhütungshilfen Bescheid wusste. Fünf unangenehme Minuten des Herumdrucksens und eine kompetente Antwort später habe ich die Mittwochspille eingenommen und behalte den Rhythmus so bei.

Verantwortung tragen darf keine Bürde sein
Das Schlimme ist, dass ich trotz ungehemmtem Wesen und zweifachem Aufklärungsunterricht in der Grund- und Oberschule keine Ahnung hatte, was zu tun ist.

Ich erzähle die Geschichte nicht aus Exhibitionismus. Sondern weil es sie zu Haufe gibt. Es ist schierer Wahnsinn, dass unsere Verantwortung gar nicht durch Wissen gestützt ist: Ein bisschen wie ein Führerschein so etwas, verlernt man nicht, wenn man es einmal drauf hat. Wird mein Sex-Wissen allerdings in puncto Verhütung auf den Prüfstand gestellt, kann die Handbremse schon mal Abtreibung bedeuten.

Die lästigen Nebenwirkungen der schönsten Nebensache der Welt kennen wir nämlich am besten. Frauen flüstern darüber Flüche in Mädelsrunden oder mutig bei Freunden, die ein Ohr dafür haben. Manchmal sind die negativen Nebenwirkungen einer bestimmten Pille so verheerend, dass dringend zum Wechsel geraten wird. Bauchkrämpfe und Zysten zum Beispiel, oder monatelanger, nicht abbrechender Besuch der „roten Armee“. Ein Wechsel der Pille geht mit vier Wochen rebellierendem Körper einher, der noch dazu fruchtbar ist.

Vor all dem wurden wir nur auf Nachfrage gewarnt. Wir setzen uns stillschweigend mit dieser Verantwortung auseinander, neben den typischen Problemen, die ein Mensch so hat. Insofern bin ich pro rezeptfreie Pille danach und habe einen Jubelschrei ausgestoßen. Ich glaube im Übrigen nicht, dass sich „Experten“, wie zu oft in den Medien zitiert, befürchten müssen, dass Frauen dieses Privileg unbedacht und verschwenderisch einsetzen.

Was hilft
Ich kann jetzt raten, dass sich Paare ein cooles Aufklärungsbuch zuzulegen. Eines für Erwachsene, wie „Make Love“ zum Beispiel. Im Wartesaal beim vierteljährlichen Frauenarztbesuch auch mal ein, zwei Broschüren zu lesen. Die Packungsbeilage zu studieren. Sich die Pille-Reminder-App herunterzuladen. Und wenn es zieht, zwickt oder dauerhaft zu Auffälligkeiten kommt, hartnäckig einen Termin zu vereinbaren. Mit dem Arzt, der Ärztin des Vertrauens. Und sich vorher überlegen, welche Fragen aufkommen können. Wirklich nach einer Notfallnummer fragen.

Selbst nicht das Thema Sex und Schutz tabuisieren.

Oder Service-Hotline anrufen: ist immer eine Anekdote wert.

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Wenn ein Konzern aktiv wird

Ein Konzern spendet – nach eigenen Angaben – diesen Freitag alle Tageseinnahmen an soziale Projekte und Hilfsorganisationen.“Give-A-Day“ nennt sich die Aktion. Mein erstes Gefühl: Skepsis.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Poesie sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!

Soziales Shoppen
So soll es sein, am morgigen 10. April. Der Leiter der dänischen BESTSELLER company, Anders Holch Povlsen, will alle Einnahmen seines Tagesgeschäfts spenden. Beteiligt sind laut Website die weltweiten Marken des Konzerns: Jack&Jones, Only, Vero Moda und Pieces etwa.

Jeder Kauf, online wie vor Ort, soll zählen. 50 Prozent der Einnahmen würden demnach lokal investiert, die andere Hälfte des Geldes global. Abzüglich der Mehrwertsteuer des jeweiligen Landes, in dem das behelligte Projekt sitzt.

Mode kommt von Mode, nicht von Mutter Theresa
Das erklärte Ziel einer Modemarke ist es, Leute einzukleiden. Nicht mehr, nicht weniger. Ich weiß, dass es sich bei Firmen und Filialen nicht um Samariterdienste handelt. Die Idee, für eine faire Welt zu arbeiten, findet sich nicht in den Grundpfeilern der Modeindustrie.

Die Designer mögen Trends prägen und der Eigentümer versucht sein, akzeptable Arbeitsbedingungen anzustreben. Doch Mode bleibt in dieser Größenordnung vor allem ein nie verjährendes Wirtschaftswunder für die Branche.

Eine Frage der Verantwortung 
Eigentlich ist das genauso folgerichtig. Für die Utopie einer umweltbewussten, fairen und gleichberechtigten Gesellschaft gibt es ja auch Bildungsinitiativen, NGOs, ehrenamtliches Engagement en masse.

Aber Mode hat eine mobilisierende Kraft. Das bedeutet, Mode erreicht, beeinflusst und beschäftigt viele, viele Menschen. Zeitgleich ist sie an sich nutzlos. Mode ist Schmuck, kein Bedürfnis.

Für die Produktion dieser Mode für viele, viele, viele Millionen Menschen müssen einige, wenige, manche Menschen viele, viele, viele Stunden schuften. Diese Gruppe Menschen hat, kann man sich vorstellen, mitunter keine Zeit und kein Geld jene Kleidung zu kaufen, die aus ihren geschickten Fähigkeiten heraus manufakturiert wurden.

Die Egoismus-Theorie
Ein Teil des Vermögens an Bedürftige abgeben, ist also heroisch? Eine ritterliche Geste, dieses Zurückgeben am „Give-A-Day“? Es gibt Freiwilligen-Agenturen mit selbigem Slogan, in denen rund um die Uhr unentgeltlich für gute Zwecke geschuftet wird. Insofern macht es sich der milliardenschwere Konzern mit einem Spendentag nach Jahrzehnten durchaus leicht.

„Give-A-Day“ ist kein Akt der absoluten Selbstlosigkeit. Sonst wäre die Aktion stillschweigend abgelaufen. Der Anlass passt außerdem: 40 Jahre besteht das Familienunternehmen in der Branche. Die Aktion „Give-A-Day“ ist vor allem vorbildliche Werbung für die Marken. Das Unternehmen bekommt mediale Aufmerksamkeit und gut gewillte KäuferInnen.

Kommt meine Investition an?
Schlussendlich aber kommt, dürfen wir der Marke und ihren Kooperationsunternehmen wie UNICEF und SaveTheChildren glauben, die Kaufkraft der Kunden einmal Bedürftigen zu Gute.

Diese Investition dürfte laut bisherigen Verkaufszahlen und Schätzungen der Forbes-Liste vom Vermögen nicht gering sein. Trotz des schalen Beigeschmacks: Wen schert’s, solange die Investition ankommt. Ich stelle die Theorie, das nichts ohne Eigennutz geschieht nicht in den Vordergrund, wenn Mittellose profitieren.

Ich glaube, wenn ein Egoist hilft, um sich besser zu fühlen, ohne nachträglich zu schaden: dann kann man dankbar sein für den Umstand, dass Egoismus mitunter im Helfersyndrom gipfeln kann.

Und nun? 
Boykottiert man große Modeketten, ist ein Tag wie Freitag, der 10. eine Gewissensfrage und vor allem ein Prüfstand für die eigene Kompromissbereitschaft. Wie radikal sind meine Werte?

Normalerweise laufe ich an den „üblichen Verdächtigen“ unter Modegeschäften vorbei. Konsequent. Shoppe ich Freitag, reihe ich mich damit wieder ein in die Schlange jener Konsumenten, von denen ich eine Weile schon Abstand halte. Ein Ausnahmezustand. Werde ich morgen kaufen und spenden?

Ja. Falls das ganze ein Hoax ist: bleibt immerhin das Rückgaberecht.
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Ist weniger mehr?

Ich habe seit März protestiert: mit Mode. Einen Monat lang Modeprotest. Eine gute Zeitspanne, um das erste Urteil zu fällen.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Poesie sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!
Ich bin so des-Kaisers-neue-Kleider mäßig aufgewachsen. Babydollhängerchen, Hippiekleid, Bluejeans. Glitzerrock, kleines Schwarzes, Bluse. Hosenanzug, Culottes, Bomberjacke. Lederjacke, Hoddie, Overall. Norwegerpulli, überlange Strickjacke, Leohandschuhe. Ich habe alles (mal besessen).

Wie viel Kleidung braucht ein Mensch?
Seit Jahren beschäftigt mich mein Konsum. Ich finde es interessant, dass ich mehr kaufe, desto unzulänglicher ich mich fühle und oft, um mich zu belohnen. Ich habe mich mit meinen Shoppinggelüsten auseinandergesetzt. Ab diesem Punkt gibt es viele Wege, keinen aber zurück.

Deshalb gehe ich weiter, schaue nach fairen Linien und lokalen Produzenten, bis hin zu Strumpf und Slip. Es ist wie eine riesige Recherche für eine persönliche Reportage. Und es ist nicht immer einfach.

Ich sortiere regelmäßig meine Kleider, und es fliegt immer ein altes Stück für ein neues: eine effektive Methode, weil man sich überlegt, inwieweit es das neue Teil wert ist. Ich kaufe nur im Sale, wenn ich das Teil auch für eine Summe kaufen würde, die über meinem Budget liegt. Ich plane, was ich brauche. Ich schmeiße regelmäßig raus, und vermisse nichts.

Ein Experiment zur Fastenzeit
Deshalb kam mir der Modeprotest 2015 recht. Für sieben Wochen reduziert man seine Garderobe auf maximal 50 Teile. Das klingt nicht wenig, wenn man Unterwäsche und Socken nicht mitzählt. Doch auch diese tagtäglichen Begleiter fallen unter die Regeln. Hartgesottende Modefaster zählen Socken einzeln, nicht als Paar…

Ich habe mich für 45 Teile entschieden, weil ich monatlich vier Klamotten ausleihe, im Abo. Die Aktion läuft seit dem 18. Februar, und sie endet am Samstag. Ich habe die Socken im Paar gezählt. Ich war nicht akribisch, aber es sind je zwei große Tragetaschen von mir bis oben hin mit Sachen gefüllt worden. Diese Taschen habe ich nicht mehr angefasst.

Übrig geblieben ist der Kern: meine drei besten Blusen, meine drei liebsten Strickjacken, zwei Pullover, ein Hoodie, zwei Röcke, zwei Hosen, vier Tops, zwei zum Unterziehen, zwei zum Ausgehen. Mein Stil ist klarer geworden seitdem. Ich brauche nicht ewig zum Anziehen. Ich entdecke, dass ich ein Kombinationstalent sein kann.

Wie eine Pyramide bauen: Langfristiges Projekt
Bis auf den blasserdbeerfarbenen Pullover erinnere ich mich an keines der wegsortierten Teile. Der besagte Pulli liegt oben. Ganz schön traurig. Ich hatte wider Erwarten genug zum Anziehen. Die Zeit vor Ostern, um den wankelmütigen April rum, ist eine doofe Zeit für diesen Protest. Weil Wintermode nun mal nicht Sommermode ist: weder vom Material her, noch von der Wetterfestigkeit und auch nicht vom Wohlfühlgefühl her. Ich schätze mich so ein: 50 Teile für die Herbstwintermode, und 50 weitere für die Frühlingssommerwochen, das ist für mich realistisch.

Weniger ist mehr, sagen Minimalisten
Minimalismus. Ein praktisches Wort, mit dem ich keinen Glamour verbunden habe. Ganz lange. Ich bin sehr besitzergreifend, was Dinge betrifft, die einen Wert für mich haben (könnten). Bücher will ich einmal so viele besitzen, wie in eine kleine hauseigene Bibliothek passen würden. Fotos und Collagen, als Bilderbuch meiner Erinnerungen und auch Briefe, mit Zeilen aus meinem Leben. Notizhefte, gespickt mit Ideen und Gefühlen, mal wirr und unleserlich, mal klar und geordnet.

Neben dem, was ich lese und dem, was ich schreibe, macht mich ein Stück weit auch das, was ich trage, erkenntlich. Der Wäscheständer im Wohnzimmer mit meiner Wäsche ist immer bunt. Mein Stil exzentrisch und detailverliebt, selten kühl. Ich mag Mode. Aber meine Ansprüche sind höher geworden. Ich mag es heute zeitlos. Polyester kommt nicht mehr in meinen Schrank, zu schnell süfft der Schweiß in den Stoff und geht dort nicht mehr heraus. Ich spare und warte, bis ich kaufe. Weil ich dieses Teil länger tragen will als eine Saison, so lange, bis man mich an meinem Leopardenshirt schon von weitem erkennt.

Kleidung muss ja keine Karikatur sein
Wenn mein Erscheinungsbild repräsentieren soll, wer ich bin, will ich niemand sein, der wertelos Sweatshop-Ramsch trägt. Aus Prinzip, weil für ein bisschen Chichi keine Menschen leiden brauchen, meiner Meinung nach.
Minimalismus bedeutet heute für mich Prioritäten setzten können und Gutes auf Anhieb erkennen. Eine eigene Form von Luxus. Eine Haltung, die weniger einengt. Dafür mehr aussagt. Und definitiv nicht leicht kurz vor Ostern umzusetzen ist. Aber definitiv einen Versuch wert war.

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Phänomenaler Unterricht

Finnland wird die landeseigenen Schulen reformieren. Dem Horrorwort Frontalunterricht wird in der Reform wenig Bedeutung zugemessen…

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Poesie sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!

Finnland sagt nun hei hei! zur alten Schule        
Die Fächer von anno dazumal bleiben erhalten, werden jedoch nicht strikt voneinander getrennt. Die Inhalte sollen vielmehr aufeinander bezogen werden, um das Verständnis für Zusammenhänge über den Tellerrand hinaus zu ermöglichen. Unterrichtet wird weiterhin mit der Basis, die Schule seit jeher ausmacht, wobei die SchülerInnen verstärkt über die Fächergrenzen hinaus gestupst werden.

Die Bildungseinrichtungen, Lehrschaffenden und auch die finnische Bevölkerung sollen das Konzept positiv aufgenommen haben. Bereits 2016 sollen die Schulen reformiert unterrichten. An dem längeren Prozess der Reform sind jene Schulen und die Lehrerschaft ebenso beteiligt gewesen wie die Städteräte.

Über 300 Personen haben laut Ms Irmeli Halinen (Direktorin für die Weiterentwicklung des Bildungsplans) an dem neuen Lehrplan mitgewirkt. Ihre Hauptmotivation ist es, eine Umwelt zu schaffen, in der gerne und zukunftsorientiert gelernt wird.

Auf die Interessen setzen
„The Finnish National Board Of Education“ will den Interessen der SchülerInnen deshalb mehr Aufmerksamkeit widmen. Den Rahmen bilden praxisnahe Themen und nicht allein die typischen Fächer, die nur in den Grundlagen lebensverbunden sind. In diesem geplanten Teil des Konzepts bearbeiten die SchülerInnen gesonderte, auf aktuelle Phänomenen bezogene Aufgaben in größeren Gruppen.

Die Stärke, selbständig Lösungen für Probleme zu finden, rückt dabei zusammen mit anderen Kompetenzen in den Fokus. Moderne Herausforderungen wie Nachhaltigkeit, die voranschreitende Globalisierung und die Digitalisierung sind einige Beispiele für den roten Faden der Projektphase. Für den Anfang gilt der Rahmen, diesen Schwerpunkt einmal jedes Schuljahr umzusetzen.

Damit können sich SchülerInnen künftig nicht mehr auf die anleitende Stimme verlassen, die von der Tafel herüberschallt. Dafür gilt es, sich mehr denn je als Teil einer funktionierenden Gemeinschaft zu fühlen, in der jeder seinen Platz und seine Daseinsberechtigung hat.

Ein ganzeinheitliches Bildungsbild        
Frau Halinen sagt in ihrem Statementvideo klar, dass Können in Mathe und Co. essentiell ist. Aber es reiche eben nicht aus. Zur erfolgreichen Bildung eines jeden Bürgers in Finnland gehören ebenso Werte und eine gute Haltung, Willenskraft und die Fähigkeit,  sich das eigene Wissen und die Einzigartigkeit zu Nutze zu machen: im alltäglichen Leben, für die Gemeinschaft und um die Welt als Ganzen zu verstehen.

Die sieben Kernkompetenzen
Für die Reform haben sie gemeinsam sieben unverzichtbare Kernkompetenzen festgehalten:

  1. Über das Lernen nachdenken können und die eigene Lernkraft erkennen.
  2. Achtsam mit sich selbst umgehen.
  3. Den Alltag gut bewältigen können.
  4. Kulturelle Kompetenz und sich artikulieren können
  5. IT-Verständnis
  6. Unternehmertum
  7. Eine nachhaltige Umwelt schaffen

Kann man das ernst nehmen?
Man kann jetzt zweifeln, ob die das schaffen, auch wenn Testläufe viel versprechen. Kann sich bedroht fühlen von dem plötzlichen Aufschrei in den Medien. Kann auf andere Länder verweisen, wo alles noch soviel schlechter ist, auf Orte ohne Schulen oder dunkle Flecken auf der Landkarte, wo lernen in Gefahr leben bedeutet.

Man kann aber auch dankbar sein. Dankbar dafür, dass die obere Instanz der finnischen Bildung auf die Kritik hört, die an dem Schulsystem in ihrem Land laut geübt wurde. Diese Aktion formt mein das Gefühl: so eine aktive Bildungsministerin wünsche ich mir auch.

Es war nicht alles schlecht                                        
…doch mehr schlecht als recht, wenn ich mich an meiner Oberstufenzeit zurückerinnere. Eine Bildung, die ihre Wurzeln in dem industriellen 19. Jahrhundert schlägt, heute noch so strikt zu unterrichten – nur in verkürzter Zeit und in übervollen Klassen – ist keine Bildung, die sich die Mehrheit der Lernenden (und Lehrenden) wünscht. Dieser Eindruck entstand auch hierzulande mit dem Tweet einer siebzehnjährigen Schülerin über den mangelnden Nutzen ihrer Ausbildung. Bis auf die öffentliche Debatte aber ist davon noch nichts in die Praxis gelangt.

Vorreiter Europas: der skandinavische Norden                        
Manchmal habe ich mich schon gewundert, warum mich Skandinavien beeindruckt. Weshalb die Dänen Jahr für Jahr als die weltglücklichsten Menschen bezeichnet werden. Ich habe auch pflichtbewusst an mein rostiges Fahrrad im Keller gedacht, als Kopenhagen zur Hauptstadt der umweltbewussten Fahrradfahrer wurde.

Bewunderte im Studium die schwedische Bevölkerung dafür, gemeinschaftlich monatelangem Dunkel zu trotzen und staunte, dass mich ihre Sprache allein irgendwie entspannt. Habe stumm und andächtig registriert, dass ein dänischer Professor das Fach Pornografie an allen öffentlichen Oberschulen vorschlägt und wahrscheinlich durchsetzt. Ziel: Kindern als Aufklärung in der Schule Pornos zeigen, um so sagen: so geht echter Sex nicht.

Finnland auf dem Radar
Als ehemaliger Guide für Junggesellenabschiede war mein einziger finnischer Berührungspunkt bisher eine Gruppe à zwanzig Finnen in einem Steak&Strip-Restaurant. Nach diesem Abend habe ich mich mit diesem Land nicht weiter beschäftigt. Die Flüche meiner Mitstudis über die komplizierte finnische Sprache und Grammatik in den Nordeuropastudien haben mich in meinem Desinteresse eher weiter bestätigt.
Bis jetzt.

Der oben angeführte Artikel wurde nachträglich aktualisiert, nachdem sich die deutschen Medienquellen als fehlerhaft herausgestellt haben. An der Meinung der Autorin zu der Bildung in Deutschland und an dem Daumen hoch zu der Idee Finnlands hat sich jedoch nichts geändert.

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Scheiß Feminismus?

Unser Mannsbild und unser Anspruch an Frauen ist noch immer geprägt von Werbung, Nachkriegszeiten und Pornos. Zeit, das mal zu ändern.

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Spätestens an Superbowl musste ich wieder schlucken. Um Fassung bemüht saß ich vor dem Fernseher und sah eingeölte Models, die orgasmisch in Burger beißen. Sonst höre ich regelmäßig, wie Jogurt oder Katzenfutter weiblichen Models Stöhnen und Schnurren entlocken. Ich sehe, wie sie sich lasziv die Beine rasieren, was in der Praxis nicht mal den Ansatz von Erotik besitzt.

Ich habe in der Werbung und auch sonst nicht einen Mann gesehen, der ejakuliert weil er eine Bratwurst sieht. Überhaupt sehe ich von Männern nicht viel nackte Haut, nicht mal in Serien, in denen das Hauptthema Sex ist. Ich sehe Brüste. Vielleicht will ich das aber gar nicht. Wer behauptet, da gibt es keine Differenz, macht gute Miene zu diesem Spiel. Ich aber finde die Regeln nicht fair, und habe keine Lust mehr, mitzumachen.

Wer bin ich?!

Die Frage in der Debatte der Gleichberechtigung. In Massenpanik vor dem Fortschritt sucht die Gesellschaft Antworten und findet keine. Ich bin Feministin, für mich steht das außer Frage. Der Begriff? Zugegebenermaßen sperrig, genau wie Emanzipation. Aber es geht nicht um das Wort, sondern um die Haltung dahinter. Die Situation ist folgende: Frauen und Männer sind nicht gleichberechtigt. Und UnterstützerInnen des Feminismus wollen das ändern. Doch die Haltung gegenüber der feministischen Bewegung wird zunehmend feindlich. Heißt das, Feinde vom Feminismus hassen Frauen, die nicht in das Haushaltsklischee passen oder Mädchenkram lieben?

Feminismus ist keine Bedrohung, eher Angriffsziel

Gebe ich folgende Schlagworte in die Suchleiste ein: feminist should, feminist must, bestätigt sich mir dieser Eindruck schon. Mir wird richtig übel. Dann vervollständigt sich der Begriff schon mal mit den meist gesuchten Ergebnissen: „…sollte man töten“, „…gehören vergewaltigt“, „…Unterdrückung des Mannes“, „…dürften nicht unterrichten“. Ich finde mich nicht in diesen Zeilen wieder. Ich finde auch, ich sehe nicht aus wie eine „Kampflesbe“. Aber fühle mich betroffen. Für mich ist das bittere Ironie, allein mithilfe von Google zu sehen, dass Gleichberechtigung und Respekt gegenüber der Selbstbestimmung von Frauen halt immer noch eine leere Worthülse, eine Lüge ist.

Aus Angst vor Gegenwind

so scheint es mir, stellen sich Menschen quer, wenn das Wort Feminismus fällt. Kein Wunder, dass Frauen wie Männer Abstand von der Bewegung für Gleichberechtigung nehmen. Natürlich ist das absolut ironisch gemeint. Wie kann es sein, dass so viele Menschen extrem viel Wert darauf legen, nicht in die „falsche“ Schublade gesteckt zu werden, selbst aber darin versauern?

Das gruselige Bild vom emanzipierten Mann

„Ich bin keine Feministin, weil ich auch mal schwach sein will und einen starken Mann an meiner Seite habe.“ „Ich bin keine Feministin, weil ich es mag, wenn Männer mir die Tür aufhalten und mir aus der Jacke helfen.“ „Ich bin kein Feminist, weil ich wahre Weiblichkeit an Frauen so schön finde.“ Tagein, tagaus lese ich die mühsamen Rechtfertigungen von beiden Geschlechtern, warum sie sich von der Bewegung für die Gleichberechtigung der Frau distanzieren und bin schockiert, weil alle zusammen mit diesen Rechtfertigungen schon wieder auf ihr Recht verzichten, auf das Recht, für ihre Rechte einzustehen.

Sexy, wenn auch kontrovers

Sprechen wir einmal Klartext. Feminismus ist bunt. Denke ich an dieses Wort, poppen vor mir Gesichter auf von Berühmtheiten wie Emma Watson, Vorstandschefin Sheryl Sandberg oder Schauspieler Ryan Gosling, in einer Reihe mit der Popstern Beyoncé und Komiker Steve Carell. Sie alle bezeichnen sich als FeministenInnen, und sie alle werden gemeinhin als Sexsymbol oder charismatisch angesehen. Natürlich unterscheidet sich ihr jeweiliges Engagement ebenso wie ihr Verständnis von Feminismus. Mitunter wird ihr Statement kontrovers diskutiert und in Frage gestellt. Sie beweisen trotzdem, dass feministisch nicht unweiblich heißt und das Gleichberechtigung Gewinn für jedes Geschlecht bringt.

Die Kategorien aufbrechen

Gleichberechtigung bedeutet nicht Gleichstellung. Die Revolution findet nicht im Bett statt. Eure Angst vor Verlust der gegenseitigen Anziehungskraft ist unberechtigt. Feminismus, Gleichberechtigung, Emanzipation der Frau, das alles ist kein Angriff auf das Schlafzimmer. Darum geht es nicht. Ein emanzipierter Mann, der Frauen dabei unterstützt, dieselben Rechte und Privilegien genießen zu können, kann trotzdem gerne Türen aufhalten und beim ersten Date zum Essen einladen. Und eine Feministin kann sich trotzdem beim Flirten in den Haaren spielen und Parfüm tragen und Pink mögen.

Gleichberechtigung steht allen, unisex

Nichts kleidet Menschen nach meinem Geschmack besser, als die gelebte Fähigkeit, sich für andere einsetzen. Ich mag Frauen ohne Stutenbissigkeit und Männer, die mich respektieren. Attraktiv und modern ist, wer sich für andere einsetzt. Statt dem nächsten wiederkehrenden Print in der Mode sollten wir lieber der Gleichberechtigung folgen: steht jedem, unisex. Ein Hype, bei dem alle mitmachen können.

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Lesen als Flirtstrategie

An alle Jungs: Lesen ist sexy. Für diejenigen unter euch, die Bücher bewusst meiden: die Taktik hat sich geändert. Geflirtet wird jetzt zwischen den Zeilen.

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Erkennungsmerkmal: Lesestoff

Eine junge Dame widmet sich unter dem Hashtag #hotdudesreading männlichen Prachtexemplaren. Sie kommen in allen Farben und Formen daher, sind stilvoll in Frisur und Kleidung unterwegs, mit verwegenem Lächeln und auch mal konzentrierter Stirnfalte. Nur eine Eigenschaft eint alle: sie lesen. Echte Bücher, aus Papier, mit abgewetzten Seiten. Kein neumodisches Kindle, sondern ein Stück Bildungsgeschichte in ihren Händen.

Streber sein wird salonfähig…

anders lässt sich nicht erklären, weshalb das Projekt #hotdudesreading auf instagram innerhalb einer Woche bereits 75 000 schmachtende AnhängerInnen findet und sonst unscheinbare Männer zum Sexsymbol emporsteigen. Schlau sein ist halt auch eine Schattierung von Scharfmachen. Natürlich haben wir das immer gewusst, und es ist schön zu wissen wie der Trend endlich auch die Großstädte erreicht. In U-Bahnen findet man sie jetzt, die großen Denker.

Geschichten über die zwei schönsten Nebensachen der Welt

Der Erfolg dieses Accounts liegt nicht allein an den fotografierten Objekten der Begierde oder an den interessanten Buchdeckeln. Die Initiatorin widmet jedem Einzelnen einen persönlichen Text zum Bild, zusammengesetzt aus wilden Fantasien darüber, wie die jeweiligen Typen wohl privat drauf sind, ihr Leben handhaben, uns im Winter bei einem Scotch warmhalten. Oder halt: Hemmungen fallen lassen und das Buch für, you know, intercourse, beiseite legen.

Wer Lust hat auf die schönste Nebensache der Welt (Bücher lesen) samt Besitzer anschmachten: die Marktlücke ist gefüllt. Und nun allemann Buch in die Hand und raus in die Welt, der Frühling kommt …

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Ich bin morgens immer tanzen

Manche Ideen können nur aus Berlin kommen. So feiert man in der Hauptstadt neuerdings um 6.30 Uhr in der Früh: danach düst man zum Arbeitsplatz. Ein Rückblick.

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Lohnt es sich wirklich, im Morgengrauen und mit Glitzer im Gesicht Richtung Neue Heimat aufzubrechen? Unter den Einladungen auf Facebook sticht der Vorschlag heraus: die Party mit dem zweideutigen Namen„Morning Glory“ erregt Aufsehen. Mit gleichsam Verrückten vor der Arbeit tanzen gehen, laut den Veranstaltern ist das der perfekte Start in den Tag. Der Gedanke, zwei Stunden früher als gewöhnlich aufzustehen widerstrebt mir.

Die Neugier siegt

Mittwochmorgen, 05.30 Uhr, alles in mir schreit WARUM. Als Antwort setzte ich meine nackten Füße auf den viel zu kalten Boden und mache mich fertig. Der Spiegel sieht genauso fahl aus wie ich. Statt in die graue Jeans schlüpfe ich in eine Pailettenhotpants und ziehe mir einen dramatischen Lidstrich. Jene Minitasche, die sonst nur bei Clubnächten zum Einsatz kommt, baumelt verwirrt an meiner Schulter. Im Gepäck habe ich zwiespältige Gefühle und das Ticket für 12 Euro. Unterwegs erkenne ich schnell, wer gleich mit mir zu Electroswing und 80-Samples abgehen wird.

Irgendwo zwischen Sportpants, Einhorn und Ganzkörperanzug

…bewegt sich der Dresscode. Überhaupt ist modisch das Motto: du kannst nie zu exzentrisch aussehen. Eine Frau mit grün gefärbtem Sidecut, alltagstauglich gekleidet in der Bahn, erkenne ich später kaum in ihrem Bienenkostüm wieder. Ein Kerl im leuchtenden Ballerina-Tutu jubelt. Inmitten dieser Schau angekommen, bietet sich ein legendärer erster Eindruck: kunterbunte Menschen, tiefer Drop, zuckende Gliedmaßen und das ganze Szenario bei hellem Licht. Die lachenden Gesichter und die geteilte Euphorie bestimmen die nachfolgenden fünf Stunden.

Ein ganzheitliches Programm für Körper und Seele

Zentral liegt die Tanzfläche mit riesigem DJ-Pult. In den Räumlichkeiten kann man sich zudem bemalen lassen. Nach zwei Stunden pinselt mir eine Visagistin ein pink-schwarzes Leomuster auf meine gewünschte Gesichtshälfte. Für lau! Das Yogates-Angebot wird in Anspruch genommen. Die Aufwachmassage haben wir leider nicht finden können. Müde wird man trotzdem weniger, denn es gibt keinen Alkohol, dafür Kaffee und Kakao. Die Stimmung ist gut, niemand baggert. Das mag auch daran liegen, dass im güldenen Sonnenaufgangslicht getanzt wird statt in anonymer Dunkelheit. Es ist angenehm, dass sich die Menschen bewegen, weil ihnen danach ist und nicht, weil Wodka oder Weed das Bewusstsein beflügeln. Okay, außer bei ein paar Gestalten, die sich aus dem Berghain verlaufen haben.

Jeden Monat wieder

Das Publikum ist gemischt. Sogar ein paar Damen und Herren 65+ verfallen in Ekstase (ab dem Alter ist der Eintritt umsonst!). Der Ansturm ist groß, seitdem es die Veranstaltungsreihe auch bei Facebook gibt. Der Hype? Ausnahmsweise mal verständlich. Ich bedauere gerade, dass meine Morgende nach diesem Mittwoch wieder monoton beginnen, nachdem ich aufbreche. Dann erfahre ich: seit Dezember gibt es den Zirkus monatlich. Ich schicke meinem Lieblingsonkel eine Sms: „Bin zum F-Hain cool kid mutiert.“ Seine Antwort: „Mutier mal schnell zurück.“ Doch ich bin schon zu sehr im Sog der Sonnenanbeter versunken.

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Der 50-Teile Kleiderschrank

Die Fastenzeit hat begonnen, und damit liegt Verzicht im Trend. Bisher habe ich mich nicht für zeitlich begrenzten Minimalismus interessiert.

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Das ändert sich mit dem Experiment von Modeprotest. Ganz im Sinne der Slow-Fashion-Bewegung rufen die Diplomdesignerinnen Lenka Petzold und Annika Cornelissen dazu auf, vom 18. Februar – 04. April 2015 den eigenen Kleiderschrank zu entleeren und das eigene Konsumdenken zu beleuchten. Ziel ist es, bis zum Osterfest mit 50 Kleidungsstücken auszukommen.

Herausforderung angenommen!

Seit 1 1/2 Jahren reduziere ich mein Hab und Gut vor allem in diesem Bereich und habe festgestellt, dass ich so gar nichts vermisse. Nicht die Shoppingtouren durch überfüllte Kaufhäuser, bei denen ich mit gierigem Blick und ruhelos doch nur genauso unausgeglichen nach Hause gekommen bin. Seitdem ich nicht mehr bei Primark, H &M, Zara und Co. einkaufe, fällt mir der unangenehm chemische Geruch schon vor den Pforten auf. Ich leihe mir stattdessen Feshes über die Plattform Kleiderei und vergesse auch schon mal das Oberteil, bei dem ich einen Tag vorher noch überlegt habe, ob es mir nicht fehlen wird. Damit bin ich, was die Relation von Luxus und Notwendigkeit im Bereich Bekleidung angeht schon wesentlich rationaler geworden, und vor allem zufriedener.

Trotzdem: 50 Kleidungsstücke, unabhängig von Winter und Frühlingssaison? Das Vorhaben ist eine Herausforderung, der ich mich gerne spielerisch stelle. Meine facebook-„Freunde“ habe ich zur der Akion eingeladen. Wenige nehmen teil, mehr lehnen ab, die meisten reagieren nicht. Doch auch wer bereits Minimalist ist und nur 50 Teile aktiv trägt, kann sich weiterentwickeln. Und Ballast in Form von Klamottenhaufen und Fehlkäufen an die Kleiderei schicken, per Kleiderkreisel verkaufen oder verschenken. Kann sich mal umschauen, ob es nehmen Ausbeutern auch Marken gibt, die kein Blut von Kinderhänden mit in ihre Kleidung nähen. Kann herausfinden, welche Teile er immer, wirklich immer mit Stolz und Liebe tragen würde, wenn die Qualität reicht. Es ist ein Schritt in ein schönes Dasein. Innen wie außen!

 

 

 

 

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Gleichmut: Der sechste Sinn?

„An Tagen wie diesen“ ist ein beliebtes Lied der Band Fettes Brot. Es beschreibt schwarze Löcher, wie sie jeder kennt: Alles scheint schief zu laufen. Uns zieht das herunter oder lässt uns aus der Haut fahren. Das dumpfe Gefühl dabei: Irgendwo zwischen abgestumpft und besorgt um das eigene Leben und die Welt da draußen.

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Wenn der Morgen schon mit dem Verlust eines wichtigen Dokumentes beginnt, kann man sich machtlos fühlen. Die Nachrichten von Krieg wirken wie das Lied vom Tod. In totaler Panik kommt man zur spät zur Arbeit, wo dann der Laptop den Geist aufgibt. Die Kollegen geben zwar ihr Bestes, aufzumuntern, mit selbst gebackenem Bananenbrot für alle, doch dieses landet auf der Hose statt im Mund. In der Bahn begegnet einem der eine oder andere Bilderbuchrowdy. Zuhause will man heulen, schreien oder übermüdet auf der Schlafcouch zusammensacken. Und genau hier findet man das Potenzial zur Wunderwaffe.
Dieser Moment ist so wertvoll, denn er macht uns bewusst:

Es gibt diese eine Freiheit der Wahl zwischen den Reizen von außen und unserer Reaktion. Letztere geht allein von uns aus. Statt sich den Tag vermiesen zu lassen und mit seinem Ärger jede Chance auf eine positive Wendung zu vergeuden, ist es produktiver, kurz inne zu halten. Sich zu sagen: Ich kann andere Menschen nicht ändern, ich kann die Unfälle nicht rückgängig machen, aber ich habe wohl Macht über meine Gefühle und Gedanken und mein Handeln. Diese Einsicht anzunehmen ist ein Zeugnis von Reife, die unabhängig vom Alter ist.

Konkret kann das so aussehen: anstelle von Selbstvorwürfen herausfinden, wie übel der Verlust wirklich ist und schauen, welcher Schritt jetzt zu gehen ist. Den Sender auf Musik umschalten oder sich am Abend in Ruhe mit den Problemen auseinandersetzen. Oder sie gleich als Anlass nehmen, um zu spüren, wie gut es um einen selbst bestellt ist. Während der Laptop seine etlichen Updates installiert oder sich wieder zum Laufen bringt, eine Kanne Tee für die KollegenInnen und sich kochen und mal tief durchatmen. Sich wirklich über das selbst gebackene Bananenbrot freuen und jeden einzelnen Bissen genießen. Und wenn die Hälfte davon auf der Hose landet, dann lachen, weil sie eh in die Wäsche musste.

Diese Quelle kann jeder Mensch benutzen, überall. Sie ist unersetzlich und steckt in uns Menschen. Gemeint ist die Fähigkeit, achtsam mit sich umzugehen und pro-aktiv das Leben zu beschreiten. Diese Gabe, der eigene Wille, unterscheidet uns erst von Tieren und Pflanzen. Und obwohl sie eigentlich ewig ist, verkümmert sie, wenn man sie nicht regelmäßig pflegt.

Dankbarkeit, Großzügigkeit, Fairness, Ehrlichkeit, Mut, Hilfsbereitschaft, Fantasie, Selbstreflektion. Das alles sind universelle Begriffe, die wir immer wieder begreifen und teilen können. Zusammen bilden sie die Komponente von dem, was ich als den sechsten Sinn verstehe: Charakterstärke, Gleichmut, Zuversicht, gerade unter schweren Bedingungen. Diese Eigenschaften unterschieden die Lichtmenschen von den Schattenmenschen.

Und wenn das Verhalten von anderen einem echt aufstößt oder wehtut, liegt es in der eigenen Verantwortung, Klartext zu reden oder sich zu entfernen, statt später zu jammern und im Selbstmitleid zu baden.

Wenn wir diese alltäglichen Geschenke und den Mitmenschen, die uns fördern, aus Gewohnheit schätzen lernen, vermehrt sich das Glück aller Beteiligten. Außerdem: ebnet die Aktion dem nächsten perfekten Augenblick den Weg.

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Kein tränenreicher Abschied: Phrasen adé

Es gibt in unserem Leben Situationen, die einen sensiblen Umgang erfordern. Nicht selten bedarf es dann präziser Sprache, um Streits zu entkräften: bevor sie eskalieren.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Poesie sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden!

Doch gerade die deutsche Sprache bieten wunderbar leere Worthülsen. Es sind Sätze, die nicht angreifbar sind, weil sie im Grunde nichts aussagen. Diese mit nichts anderem außer Luft gefüllten Sprechblasen haben auch nicht das Ziel, Sinn zu ergeben.

Gemeinhin fallen sie in die Kategorie der Floskeln, Redewendungen und Phrasen. Einfache Platzhalter, geschaffen für fehlende Worte die man schnippisch auch als Produkte mangelnder Zeit zum Denken werten kann. Und trotzdem transportieren gerade sie situationsbedingt heftige Gefühle.

„Ich bin auch nur ein Mensch“ ist da ein Beispiel. Na Mensch. Ich auch. Sieben Milliarden andere Lebewesen teilen diese Eigenschaft. Homo sapiens überall. Die Aussage an sich ist damit ein überflüssiges Satzsegment, einzig dafür da, Sprachlosigkeit zu kaschieren oder Schuldgefühle und Mitleid zu schaffen. Meine Nackenhaare kräuseln sich bei diesem Satz.

In das kollektive Bewusstsein weltweit erfahrungsgemäß schon bei Kindern als emotionale Erpressung eingeimpft, zusammen mit: „Ich habe dich unter Schmerzen zur Welt gebracht.“ Wer mit diesen Floskeln konfrontiert wird, fragt sich mitunter, was damit nun anzufangen ist.

Manche Menschen beschäftigt diese Eigenart insbesondere in der deutschen Sprache so sehr, dass sie Bücher darüber verfassen. Hans-Otto Schenk spricht mir mit folgendem Zitat aus der sprachsüchtigen Seele:

„Dabei macht jede Floskel für sich noch kein schlechtes Deutsch aus. Allein ihr unablässiger, zwanghafter und unbewusster Gebrauch weist ihre Verwender als Menschen aus, die sich kaum, nicht hinreichend oder gar nicht mehr der Mühe sorgfältiger und präziser Formulierung unterziehen.“

Floskeln waren nämlich nützlich gedacht. Sie wurden eingesetzt, um unangenehmes Schweigen zu brechen. Immer intensiver, als live-Phänomen wie das Fernsehen und Radio groß wurden. Medien, in denen Reden auf Zeit zur Jobbeschreibung gehört.

Im Alltag aber sind sie allerhöchstens Lückenfüller in Momenten, in denen uns gescheite Worte fehlen. Oftmals ist ein genügsames Schweigen für alle am Gesprächspartner das Beste. Bewusstes Schweigen als eine Haltung, damit Phrasen nicht zu legitimen Antworten verkommen, das wär doch mal ein Trend.

*Zitat aus: Hans-Otto Schenk: Deutsch als Papageiensprache. Floskel-Deutsch – und wie man ihm empirisch auf die Schliche kommt. In: Wortschau Nr. 10/2010, S. 8-11, ISBN 978-3-9812928-5-5

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Moral ist aus der Mode.

„Halte ich für doppelmoralische Scheiße.“ Das klingt unangenehm, nach einem Hauch Streber und einem Hieb Strenge. Vor allem sagt das so niemand mehr.

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Wie verlogen, denke ich mir dann oft. Heute gibt es Phänomen, die sind schlichtweg makaber. Vlogger, die Primark bewerben und en masse Luxusartikel einkaufen, dabei Floskeln in die Kamera sagen wie:

„Mode ist auch eine Form des Ausdrucks; Kleidung unterstreicht den Charakter.“

Wie geschmacklos, sage ich mir dann fassungslos. Soll das bedeuten, diese Vorbilder für tausende Follower sind charakterlich genauso giftig, ausbeuterisch, billig und austauschbar wie die Klamotten des Konzerns?

Dabei ist die Plattform eine riesige Chance. In sozialen Netzwerken initiieren Twitter-Manische mitunter Diskussionen, an denen jeder teilnehmen kann, der Internetanschluss findet. Hashtags dienen heute als Katalysator für politische und gesellschaftliche Bewegungen.

In einigen Branchen, Beispiel Modeindustrie, sind Blogger aktive Mitgestalter und anerkannte Trendsetter. Wo geht dieser Trend nur hin, zweifle ich dann. Moral jedenfalls ist aus der Mode gekommen.

Außerdem kann Moral auch als das Gegenteil von bösen Handlungen angesehen werden. In diesem Fall spricht man dann von „moralisch gut“ und beschäftigt sich vor allem damit, was der Mensch als richtiges, gutes oder gerechtes Handeln ansieht.

Diese Definition von wasistwas.de passt zu meiner romantischen Idee von guten Werten, die geteilt werden. In der Realität entscheiden wir das für uns. Ob das so gut ist?, grüble ich dann. Es gibt ein ganz spannendes Wort, nämlich die Doppelmoral. Das Wort ist abwertend und wird benutzt, wenn gleiches Verhalten unterschiedlich beurteilt wird. Insbesondere, wenn jemand andere für ein Verhalten verurteilt, das er selbst pflegt.

Ich würde diesen Begriff gerne erweitern. Auf die Gepflogenheit, dass jemand sein eigenes Verhalten mit zweierlei Maß misst. Für mich klar vorhanden in folgenden Situationen: Tierschutz unterstützen, aber durch Tierversuche getestete Kosmetik tragen. Sich tolerant nennen, aber immerzu auf die Norm pochen. „Ausländer raus!“ rufen, aber Kleidung made in China tragen und Früchte aus Andalusien kaufen. Kein Geld für bio-Nahrung oder faire Produktion oder Obdachlose haben, aber 3000 Euro für Silvesterknaller ausgeben.

Lese ich meine Beispiele, wird mir mehr und mehr klar, wonach ich andere bewerte: Nach ihrer Art, mit Fremden umzugehen, deren Schicksal sie nicht kennen. Nach ihrer öffentlichen Haltung Menschen gegenüber, die ärmer oder verrückter sind als sie. Nach dem Maß an Respekt, welches sie ihrem Gegenüber zollen und wie sie über Personen sprechen, die nicht anwesend sind.

Ich achte darauf, welchen Wert sie ihrem Leben geben und worauf sie brennen, und auf welche Art und Weise sie das tun: Mit geradem Rückgrat und authentisch oder zwielichtig und unaufrichtig. Ja, ich gebe es zu, mir sind Leute auf Anhieb sympathischer die sich mit Problematiken zumindest auseinandersetzen, sich gesellschaftlichen DRahtseilakten immerhin bewusst sind und die ihr Verständnis so global wie möglich halten, bestrebt, beständig ihr Wissen erweitern.

Warum? Weil ich mich selbst nach genau denselben Werten messe. Grob geschätzt werden wir alle einen Automatismus entwickelt haben, durch dessen Filter wir die Menschen wahrnehmen. Deshalb verstehe ich einige Menschen weniger als andere. Und keiner kann von dem anderen verlangen, die eigenen Werte anzupassen. Das ist Selbstbestimmung, gebe ich dann vor mir zu.

Gehen wir deshalb nur einen Schritt weiter, sagen wir, möglicherweise zieht jeder eben solche Gleichgesinnte in sein Leben. Vielleicht macht uns das bewusst, wie sorgfältig wir unseren Charakter gestalten und wie bedacht wir handeln sollten. Ob wir die Entwicklung mögen oder nicht: Unsere Welt ist global geworden. Unsere kollektiven Taten, gut wie schlecht, betreffen wesentlich mehr als uns allein. Es gilt, das bei aller YOLO-Marnier zu bedenken.

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Wie kann etwas Schönes so schlecht sein?

Ich mag Blogs. Ständig verliere ich mich im geschriebenen Wort. Ich liebe Mode. Street-Style, High-Fashion und Vintage sind da markante Wörter.

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Nur wenn das Eine mit dem Anderen zusammenkommt gerate ich ins Straucheln.

Mich stört die Art und Weise, mit der das gehypte Medium aus der Gesellschaftsmitte heraus Marken bewirbt, immens. All diese gefeierten ModebloggerInnen, deren überteuerte und qualitativ schrecklich kurzweilige Sachen in Fabriken hergestellt wurden, in denen die Näherinnen tagein tagaus mit Ausbeutung konfrontiert sind.

Jemand, dessen Faible für Kleider, Luxus, Taschen, Schuhe fair bleibt, suche ich in den weiten Netzwerken der Blog-Branche vergeblich. Ja, ich halte es für sehenswert, wenn jemand Stil durch Haltung zeigt. Längst wünsche ich mir diesen einen Vorreiter, diesen Blog xy der heraussticht. Selbst eine subtile Herangehensweise an das Thema wäre mir recht. Ein neuer Star am Stilhimmel, der ohne es zu betonen auf etwas mehr Nachhaltigkeit achtet. Sodass bedachtes Kaufen und Tragen nebenbei zum Trend und dann zur Gewohnheit werden kann, als wäre das lange schon selbstverständlich.

Sicher ist momentan: Sünde wird immer ein Teil des Geschäfts bleiben. In unserem getakteten, genormten und fortschrittlichen Alltag ist es trotz oder gerade deshalb nicht gänzlich möglich, ohne schlechten ökologischen Fußabdruck, ohne Dreck an den Händen zu konsumieren oder zu leben. Das würde unhaltbaren Verzicht für die meisten bedeuten, auch mich. Vielleicht würde dieser Anstand nicht einmal die Lage entscheidend ändern. Doch warum sie mit Engelszungen fördern, warum Unverantwortlichkeit fashionable machen?

Auf der norwegischen Homepage afterposten sind nun fünf Episoden der Dokumentation „Sweatshop“ online (englische Untertitel). Der norwegische Modeblogger Ludvig und die beiden Bloggerinnen Frida und Annike fahren nach Kambodscha, besuchen eine der Produktionsstätten ihrer Lieblingsmarken und leben mit den dort arbeitenden Frauen. Ein Projekt, das notwendig ist. Zwar zeigt sich nicht, wie Protagonisten ihr virtuelles und modisches Leben danach weiterführen und ob sie die Reise an das dunkle Ende der Stoffkette tatsächlich so sehr geprägt hat, wie es den den Aufnahmen zu urteilen der Anschein ist.

Bleibt zu hoffen, dass mehr und mehr solcher Szenen oder ähnlicher Artikel wie dieser uns irgendwann endlich so schockieren, fast schon verfolgen. Damit wir irgendwann ernst zu nehmend so handeln, dass wir uns mit einem guten Gewissen schlafen legen können. In einem guten Pyjama.

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Die App, die uns das Glück lehrt

Happify heißt die englischsprachige App, auf die mein innerer Nörgler nicht gewartet hat. Genau deswegen ist es die erste, die auf meinem Smartphone landen wird.

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Die Berliner heute in der Bahn sind meine Gleichgesinnten. Zumindest sagt mir das ihr Gesichtsausdruck. Es sind Leute, denen es schwer fällt, geistig und körperlich tief entspannt zu sein.

Zum Glück (haha, Wortwitz) gibt es nun die App für unseren inneren Lachmuskel. Basierend auf den Ergebnissen anerkannter Forschung hilft sie uns mit Fähigkeiten, die wir im Alltag vernachlässigen. Faktoren wie der gelassene Umgang mit Stress, Dankbarkeit für all das Gute in unserem Leben. Zeit, die allein zur Bespaßung da ist. Das Streben, ein sinnvolles und soziales Leben zu feiern.

Glück ist ein Muskel, den man trainieren kann

Happify gibt es als Homepage mit Login und als App für Android und Apple. Ich fühle mich fast analog, als ich die Variante Mitglied mit Mailadresse wähle. Zwar sitze ich unfrisiert vor dem Laptop und habe nur wenig Zeit, von meinem Ort A pünktlich zum Ort B zu kommen, aber die Website ist so schön bunt und strukturiert. Es ist das Versprechen, künftig den eigenen Stimmungsschwankungen überlegen zu sein, das mich vor den Bildschirm fesselt.

Mit Fragen zur Wurzel allen Übels

Ich fülle einen Fragebogen aus: Alter, Geschlecht, Arbeit. Dann wird es intimer: sorgt mich dieses und jenes? Die Beispiele zielen darauf ab zu ermitteln, wo ich Frohsinn-technisch gesehen noch Potenzial nach oben habe.

Der Pfad, den ich gehen soll heißt: „Komm herunter“ und kümmert sich interaktiv um mein Vermögen, Stress zu reduzieren.

Fokus und Dankbarkeit sind die ersten Schlüssel

Meine erste Aufgabe ist aufzuschreiben, für welche drei Menschen oder Dinge ich dankbar bin. Für Familie, Freunde und Freund die mich schätzen wie ich bin und mir helfen zu werden, wie ich sein möchte, tippe ich sinngemäß. All die Briefe, Umarmungen, Küsse, die Wärme die sie mir schenken, zum Beispiel. Die ehrlichen und unbequemen, lustigen und albernen Gespräche, die ich führe, Tag ein und aus.

Sofort bin ich in der Gegenwart verankert. Wie ein Honigkuchenpferd grinsend. Neben den Zeilen finde ich einen Link zu den Gründen warum diese Methode so schnell funktioniert. Spannend.

Das Leben ist ein Spiel, geh toben

Meine erfolgreiche Bewältigung schaltet den nächsten Pfad frei, ein Spiel. Ich darf mir eine Landschaft aussuchen. In ihr flattern Heißluftballons über den Bildschirm. Die Aufgabe: nur jene anklicken, auf denen ein positives Wort steht. Es gibt ein Highscore, mehrere Leben. Ich verdiene mir einen Orden des Glücks nach dem anderen.

Beinahe komme ich deshalb zu spät, doch ganz ehrlich? Nie habt ihr mich glücklicher die Straße entlang sprinten sehen. ich vernehme eine optimistische Stimme, die mich beruhigt. Bisher kam sie nur selten zum Anklang. 17:25, fünf Minuten vor der Zeit komme ich am Treffpunkt an. Verschwitzt, aber mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen.

Glücksforschung: Her mit den Fördermitteln!

Jahrzehnte lang wurde die Forschung über unser Glücksempfinden belächelt. Doch da nun klar ist, dass unser aller Glück in Zusammenhang mit neurobiologischen Prozessen, Transmittern, Botenstoffen steht, suchen weltweit Wissenschaftler nach Patentrezepten für die zufriedene Grundstimmung. Vielleicht gibt das nicht. Meins habe ich gefunden. Als nächstes schieße ich meine schlimmsten Sorgen mit einer virtuellen Steinschleuder ab. Because I’m happy!

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