Anregungen entgegen xenophober Heuchelei: Part I

Über den Rassismus im „Abendland“ zu diskutieren ist nicht allein heute notwendig. Zwar tragen Patrioten wie die Pegida-Unterstützer aktuell ihren Nonsens in die Öffentlichkeit und erfahren verbreitet Unterstützung. Das Problem an sich aber hat sich kontinuierlich abgezeichnet. Wir Weißen haben akute Arbeit geleistet, den heimlichen Groll gegen Ausländer zu ignorieren. Wir haben ihn sogar gefördert. Wer Rassismus begreifen will, muss vorab verstehen, was „Weißsein“ bedeutet.

An dieser Stelle schreibt unsere Reporterin Genna-Luisa Thiele regelmäßig eine Kolumne über aktuelle Gedanken, die sie sich macht. Irgendwo zwischen Provokation, Schönmale und -Musikerei, Mitteilungswahn und Poesie sollen sich die Themen, Artikel und Dinge, die hier landen bewegen – von euch beurteilt und kommuniziert werden! 

Was „Weißsein“ wirklich heißt

Einen weißen Menschen aus dem Westen zu diskriminieren ist möglich. Aussagen wie „Alle Deutschen sind Nazis“, „Alle Weißen sind reich“, „Alle Europäer sind Kartoffeln“ oder „Alle Amis sind Waffennarren“ gehören aber nicht unter den Aspekt Rassismus. Rassismus, das ist immer und ohne Ausnahme eine strukturierte, gegenwärtige wie historisch bedingte Form der Unterdrückung, Ausbeutung und Ausgrenzung ethnischer Gruppen aufgrund ihrer unveränderlichen biologischen Merkmale. Durch kollektive Abwertung ihres kulturellen Kapitals werden von Rassismus Betroffene ihrer Herkunft und Hautfarbe wegen benachteiligt.

Die gesellschaftliche Position ist von Bedeutung

Die oben genannten Aussagen sind beispielhaft wie selbsterklärend. Diese Beleidigungen gegenüber Weißen können stören, schränken jedoch die persönliche Freiheit der Adressierten nicht ein. Aufgrund ihrer Hautfarbe ist ihnen weder der Zugang zu Bildung, noch zu Wohlstand oder Anerkennung verwehrt. Die Schlussfolgerung: umgekehrter Rassismus gegenüber Weißen (westlichen, hellhäutigen Europäern und weißen Amerikanern) existiert nicht. Mikroaggressionen wie diese haben keinen Einfluss auf die garantierte Macht derer, die mit heller Hautfarbe auf die Welt gekommen sind. Genau genommen in Ländern, die mitunter unverdient befähigt sind, die Weltpolitik und -Wirtschaft maßgeblich zu lenken und zu prägen. Es ist eine Farce, als Weißer entweder jeglichen Rassismus zu verleugnen oder gegen den obig widerlegten „umgekehrten Rassismus“ zu zetern.

Warum Privilegien explizit Macht innehaben

Repräsentative in beispielsweise Gerichten und einflussreichen Regierungen sind überwiegend weiß, entstammen einem mächtigen Land und der Mittelklasse. In Kiosks blicken mich weiße Gesichter europäischer und amerikanischer Models selbst von internationalen Zeitschriften an. Diese Cover machen mir bewusst, dass die weiße Hautfarbe weltweit als „normal“ und „gesund“  und „schön“ angesehen wird. Mächtig ist, wer das Ideal definiert. In Serien spielen Weiße nicht die Bösen, das spiegelt wider, mit welchen Gefühlen dunkle Hautfarben in westlich dominierten Branchen wie der Film- und Fernsehindustie noch immer verbunden sind. In Western spielen Weiße die Helden.  Sie verweisen auf die Gedanken, die den schwammigen Begriff Rassismus griffiger werden lassen: Die Vorstellung von der „Überlegenheit der Weißen“. „White Supremacy“ benennt ganz genau, von wem die Überlegungen ausgehen und wer von dem jetzigen Status quo profitiert.

Liebe Weiße, lasst uns „Die Dinge beim Namen nennen“

Folgende Verhaltensweisen und Denkmuster spielen in die Schnittstelle rassistischer Ideologien hinein: Die Haltung, Menschen anderer ethnischer Herkunft zu kategorisieren, benennen und verallgemeinern zu dürfen. Seit der Kolonialisierung zeigen Weiße eine penetrante Neigung dazu, Menschen die ihnen nicht gleichen, die nicht in ihr auf sich selbst beschränktes Weltbild passen, korrigieren zu wollen.

Ich bin der Ansicht, wer bei Asiaten, Schwarzen oder Arabern sofortig die Rückkopplung zu den Unterschieden zieht, sollte angehalten werden, die eigene weiße Hautfarbe jedes Mal ebenso mit zu definieren. Das ist nicht gängig, und genau hier liegt der Doppelboden der Moral: Obwohl Weiße in den Medien, in Institutionen, in der Werbung omnipräsent sind, wird die weiße Hautfarbe im Alltag unsichtbar gemacht.

Differenzieren ist der Schlüssel zu Toleranz

Dabei geht es nicht darum, „colorblind“ zu sein. Damit negiert man die menschliche Vielfalt. Wichtig wäre: Wer die Wertigkeit Menschen nicht-weißer Herkunft aufgrund ihres Aussehens infrage stellt, muss dies auch genauso mit dem „Weißsein“  handhaben. Oder er verzichtet gänzlich darauf, die Hautfarbe und Herkunft eines Menschen zusammenhangslos anzuprangern.

Mit diesem Rahmen wird deutlich, welche Vorteile es mit sich bringt, im Westen geboren zu sein. Es sind nur wenige Beispiele, doch sie zeigen auf, welche Garantien mit dem „Weißsein“ verbunden sind. Wenn ich weiß bin, wenn ich generell zu spät zur Arbeit komme, wenn ich permanent schlechte Noten schreibe, wenn ich meinen angestrebten Abschluss nicht schaffe, wenn ich rüpelhaft zu Mitmenschen bin, höre ich nicht „Ach, die Weiße schon wieder“. Oder: „Ach, die Weißen, die machen das so. Die wissen das nicht besser.“ Mir sagen Leute dann, dass ich scheiße bin. Sie sagen nicht: „Diese scheiß Weiße.“

Ein Appell an euch LeserInnnen

Ich kann euer Unverständnis verstehen. Wer keine Berührungspunkte mit den Betroffenen hat,  wird nicht willentlich dazu erzogen, Rassismus als das eigene Problem zu betrachten. Denn obwohl wir dominant vertreten werden, wird unsere Hautfarbe nicht kategorisch gegen uns oder offensichtlich zu unseren Gunsten verwendet. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist der Großteil eurer Freunde, Bekannten oder die Kollegschaft gleicher Herkunft und ebenfalls hier geboren, mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen und über den ersten Bildungsweg zu ihrem Beruf gekommen, wie ihr. Weder in der Universität noch in eurem Privatleben musstet ihr euch also möglicherweise mit anderen Perspektiven und anderen sozial-gesellschaftlichen Positionen auseinandersetzen. Und aus eigenem Antrieb ist das leider nicht geschehen, wurde euch vielleicht beigebracht, dass diese Themen unbequem sind und nur diejenigen Volltrottel betreffen, die ihre Macht und ihre Worte aktiv missbrauchen.

Aber gute Absichten allein reichen nicht mehr aus. Seid vorsichtig damit, rassischste Floskeln unbedacht zu wiederholen, und sei es mit „schwarzem“ Humor. Der Punkt ist erreicht, an dem sich diese Worthülsen wieder in euren Köpfen als einzige Wahrheit einnisten, bis in die höchsten und klügsten Köpfe der Führungskräfte gelangen. Sich nicht zu widersetzen, das bedeutet auch kein Wissen zu erstreben über die komplexen wie vielschichtigen Zusammenhänge von Rasse, Macht und Norm.  Nichtstun, wegsehen, weghören, sich nicht zu engagieren: all das übt starken Einfluss aus. Gute Intentionen erzielen nicht ausschließlich edle Effekte. Hört auf, den Status quo zu akzeptieren.

 

 

 

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