Abends in der U-Bahn

 

Foto: Marko Greitschus_ pixelio.de

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In meinem letzten Artikel habe ich von der Langen Nacht der Familie berichtet. Nach D!‘s Dance School wollte ich mir jedoch noch eine zweite Aktion ansehen: „Mitternachtsklettern und Jazz Aerobic“ in der Nähe vom U-Bahnhof Osloer Straße. Die Veranstaltung fand ich jedoch ziemlich enttäuschend. Ich hatte den Eindruck, mitten in eine geschlossene Familienfeier geplatzt zu sein. Kleine Kinder spielten zusammen im Sand, die größeren Jungs vergnügten sich mit einem Fußball und die Mütter saßen mit ihren Kleinsten zusammen und schwatzten. Ich selbst kam mir vor wie ein Außenseiter. Jazz Aerobic konnte ich nirgendwo entdecken, traute mich allerdings auch nicht, jemanden danach zu fragen, und an einer Kletterwand hochzukraxeln reizte mich nicht sonderlich.

Mit anderen Worten: Ich habe mich ziemlich schnell wieder verkrümelt. Im U-Bahnhof Osloer Straße fing der „Spaß“ aber erst richtig an. Als ich die Wartenden beobachtete, kam ich bei einigen schon ins Grübeln: Zu wem rette ich mich, wenn die mir zu nahe kommen? Hand-Ellenbogen-Knie hilft vielleicht gegen einen Einzelnen, aber bei einer Gruppe von Jugendlichen ist Flucht wohl die bessere Lösung. Da waren vielleicht Gestalten!

Vor mir standen drei Jungs, die mit Zahnstochern die Reste ihrer letzten Mahlzeit zu Tage brachten, die vierte war noch mit dem Döner beschäftigt. Einerseits war dieser Anblick nicht sonderlich appetitlich, andererseits konnte ich mich eines gewissen faszinierenden Starrens nicht erwehren.   Die drei schafften es sogar, sich zu unterhalten, während sie mit den hölzernen Zahnstochern rumhantierten. Wobei ihr „Deutsch“ auch nicht dazu beitrug, dass ich mich sicherer fühlte.

Hinter mir standen drei Mädels, die den Eindruck machten, mit Typen dieses Schlages klar zu kommen. Lange, glatte Haare, durchgestyltes Outfit, die obligatorische Handtasche und einen Gesichtsausdruck nach dem Motto „Ich bin total süß und du darfst mich gerne bewundern, aber wenn du mir blöd kommst, dann dreh mir bloß nicht den Rücken zu.“.

Von links lief dann noch ein Mann an mir vorbei, bei dem ich mir nicht sicher war, ob ich (natürlich heimlich) lachen oder lieber weglaufen sollte. Eine Frisur, die mich an einen Irokesen-Schnitt erinnerte, eine Bierflasche in der Hand, die große Real-Tüte über der Schulter und ein von Hosenträgern gehaltener Schottenrock mit kariertem Muster, kombiniert mit einem weißen T-Shirt. Ich kam mir vor wie bei RTL.

Foto: Janine / pixelio.de

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Die Krönung kam dann aber in der U-Bahn in Gestalt eines Junggesellinnen-Abschieds. Sie alle – die Braut im weißen Kleid ausgenommen – waren ganz in Schwarz gekleidet, bis auf eine pinken Farbtupfer in Form einer Blume auf dem Kopf. Glaube ich jedenfalls, denn ich wurde von anderen Sachen abgelenkt. Die erste Frau (groß, energisch und alles andere als zart) stürmte mit einer Sparbüchse in Form eines hohen pinken Stiefels durch den Gang und quatschte alle vielversprechend aussehenden Leute an: „Meine Freundin heiratet, wollen Sie vielleicht ein bisschen Geld zur Feier beitragen?“. Von vielen bekam sie etwas, wobei einige bestimmt einfach zu überrumpelt waren, um etwas anderes zu tun. Zwei junge Männer sagten jedoch „Nein“ und dann legte die Frau los und bequatschte sie. „Seid ihr so hartherzig? Habt ihr eine Freundin? Wollt ihr mal heiraten?“ und, und, und…vom Ende des Zuges junger Damen wurde dann ein Ruf laut und ich musste feststellen, dass ich mit meiner Beobachtung danebengelegen hatte. Es waren nicht alles Frauen. Die letzte „Frau“ war ein Mann, wenn auch mit einer hübsch gemusterten schwarzen Feinstrumpfhose, hochhackigen Schuhen mit silbernen Glitzer drauf und dem mit zwei Bällen aufgefüllten kleinen Schwarzen. Die blonde Perücke rundete die Erscheinung ab. Und wenn ich da noch nicht meinen Humor zurückerlangt hatte, dann spätestens als der Mann rief „Daisy, du sollst einfach nur Geld sammeln!“. Daisy. Noch Fragen?

So schnell werde ich abends jedenfalls nicht mehr mit der U-Bahn fahren.

Artikelbild: Rudis-Fotoseite.de  / pixelio.de

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